Ratgeber
Nocebo- und Placebo-Effekt
Als Nocebo-Effekt bezeichnen Übersichtsarbeiten neue oder stärkere Beschwerden, die unter einer Scheinbehandlung oder durch negative Erwartungen und Hinweise entstehen; der Placebo-Effekt ist das positive Gegenstück. In Studien gaben Menschen eine Nebenwirkung häufiger an, wenn sie vorher über sie informiert worden waren, und auch Teilnehmende, die nur ein Scheinmedikament bekamen, berichteten über Nebenwirkungen. Nehmen Sie Beschwerden unter einem Medikament trotzdem ernst und besprechen Sie sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke, denn nicht jede Beschwerde ist ein Nocebo-Effekt.

Erwartungen können Beschwerden machen. Als Nocebo-Effekt bezeichnen Übersichtsarbeiten die Auslösung einer als negativ empfundenen Beschwerde durch eine Scheinbehandlung oder durch negative Erwartungen; Informationen über mögliche Komplikationen und negative Erwartungen der Patientinnen und Patienten erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen [1, 3]. Der Placebo-Effekt ist das positive Gegenstück [1]. Nocebo-Effekte sind laut einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 neurobiologische Vorgänge; ihre Mechanismen sind noch nicht vollständig verstanden [2].
Für den Alltag heißt das: Eine Beschwerde nach einer Tablette kann eine Nebenwirkung sein, ein Zeichen der Erkrankung, einer anderen Erkrankung oder eine vorübergehende Unpässlichkeit ohne Zusammenhang mit beidem; vor dieser Frage stehen laut Häuser und Kollegen Studien ebenso wie der Praxisalltag [1]. Einen kurzen Überblick gibt der Ratgeber Beipackzettel verstehen.
Wie Erwartungen Beschwerden auslösen können
Als Mechanismen nennen Häuser und Kollegen Lernen durch Konditionierung, also durch frühere Erfahrungen, und Reaktionen auf Erwartungen, die durch Worte und Informationen entstehen [1]. Colloca zählt weitere Auslöser auf: das Beobachten anderer Menschen mit Beschwerden, frühere erfolglose Behandlungen, Listen von Nebenwirkungen in Beipackzetteln, die Art, wie Behandelnde etwas sagen, und Hinweise aus der Umgebung; dazu kommen innere Faktoren wie Erwartungen, negative Stimmung und Gefühle [2]. Die Erwartung von Nebenwirkungen kann laut Planès und Kollegen die Aufmerksamkeit auf diese Beschwerden lenken, sodass sie eher bemerkt und berichtet werden [3].
Im Körper laufen dabei messbare Vorgänge ab. Bei der Nocebo-bedingten Schmerzverstärkung werden laut Häuser und Kollegen weniger Dopamin und weniger körpereigene Opioide ausgeschüttet; weil eine Verschlechterung von Beschwerden oft mit Angst verbunden ist, spielt auch der Botenstoff Cholecystokinin eine Rolle [1]. Nocebo-Effekte können laut Colloca die Stressreaktion des Körpers mit Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin auslösen, was Beschwerden wie schnelleren Herzschlag, Schwitzen und Muskelanspannung hervorrufen kann; die Erwartung von Schmerz kann dieselben Hirnregionen aktivieren, die an der Verarbeitung tatsächlicher Schmerzen beteiligt sind [2].
Wie Worte wirken können, zeigen Beispiele aus den Übersichtsarbeiten:
- Ankündigung vor einem Bewegungstest: 50 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen wurden vor einem Test zufällig in zwei Gruppen geteilt. Wer gehört hatte, der Test könne die Schmerzen etwas verstärken, gab stärkere Schmerzen an und schaffte weniger Beinbeugungen als die Gruppe, der gesagt wurde, der Test beeinflusse die Schmerzen nicht [1].
- Wortwahl bei einer Betäubungsspritze: Frauen unter der Geburt, denen vor der örtlichen Betäubung für eine Periduralanästhesie ein "großer Bienenstich" als "schlimmster Teil" angekündigt wurde, empfanden die Spritze schmerzhafter als Frauen, denen gesagt wurde, das Mittel werde die Stelle betäuben [1].
- Hinweis vor einer Lumbalpunktion: Von den Menschen, denen nach einer Lumbalpunktion Kopfschmerzen angekündigt wurden, bekam ein Teil Kopfschmerzen; von den Menschen ohne diesen Hinweis keiner [2].
Negative Erwartungen können laut Planès und Kollegen auch die Wirkung eines Medikaments abschwächen; in einer Studie mit einem starken Schmerzmittel hoben negative Erwartungen dessen schmerzlindernde Wirkung auf [3]. Was hinter einer ausbleibenden Wirkung sonst stecken kann, erklärt der Ratgeber Wenn Medikamente nicht wirken.
Der Placebo-Effekt: das Gegenstück
Jede medizinische Behandlung hat laut Häuser und Kollegen spezifische Wirkungen, die auf die Behandlung selbst zurückgehen, und unspezifische Wirkungen. Die unspezifischen Wirkungen heißen Placebo-Effekte, wenn sie nützen, und Nocebo-Effekte, wenn sie schaden [1]. Beide gelten als psychobiologische Vorgänge, die aus dem gesamten Behandlungsumfeld entstehen: aus Scheinbehandlungen, Erwartungen und früheren Erfahrungen der Patientinnen und Patienten, aus dem, was Behandelnde mit Worten und ohne Worte vermitteln, und aus dem Miteinander [1]. Placebos sind Scheinmedikamente oder andere Scheinbehandlungen, zum Beispiel eine nur simulierte Operation [1].
Für subjektive Beschwerden wie Schmerz und Übelkeit ist eine Wirkung von Placebos laut Häuser und Kollegen nachgewiesen [1]. Nicht alles, was sich in einer Placebogruppe verändert, ist aber ein Placebo- oder Nocebo-Effekt: Zum echten Placebo-Effekt zählt nur, was nach Abzug unspezifischer Einflüsse wie des natürlichen Krankheitsverlaufs übrig bleibt, und messen lässt er sich nur im Vergleich mit einer unbehandelten Gruppe [1]. Die Nocebo-Effekte aus Arzneimittelstudien, die Häuser und Kollegen beschreiben, sind wahrgenommene und keine echten Effekte im Sinne dieser Abgrenzung [1].
Was Studien zum Nocebo-Effekt zeigen

In placebokontrollierten Studien berichten Teilnehmende, die nur ein Scheinmedikament bekommen, oft über Nebenwirkungen, die denen unter dem geprüften Wirkstoff gleichen [2]. Colloca zufolge werden diese Nocebo-Reaktionen der Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen vor Studienbeginn zugeschrieben [2]. Häuser und Kollegen nennen weitere Beispiele [1]:
- Provokationstests bei bekannter Arzneimittelallergie: In zwei Fallserien gab ein Teil der Menschen unter einem Placebo Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Juckreiz an.
- Aufklärung in einer Arzneimittelstudie: In einer Studie mit Menschen mit instabiler Angina pectoris wurden an zwei von drei Studienzentren Magen-Darm-Beschwerden in die Aufklärung aufgenommen. Die Rate der Abbrüche wegen subjektiver Magen-Darm-Beschwerden stieg dadurch an; bei Magen-Darm-Blutungen und Geschwüren gab es zwischen den Zentren mit und ohne diese Aufklärung keinen Unterschied.
- Scheingabe von Milchzucker: In einer kontrollierten Studie klagten nach einer Scheingabe von Laktose Menschen mit bekannter Laktoseintoleranz und, seltener, auch Menschen ohne Laktoseintoleranz über Magen-Darm-Beschwerden. Mehr dazu: Laktoseintoleranz und Hilfsstoffe: Laktose, Gluten, Gelatine, Alkohol.
Auch die Art der Abfrage zählt: Studienteilnehmende geben mehr Nebenwirkungen an, wenn sie eine vorgegebene Liste von Beschwerden abhaken, als wenn sie spontan berichten [1]. Weil in vielen Doppelblindstudien nicht oder nur unzureichend beschrieben ist, wie subjektive Nebenwirkungen erfasst wurden, sehen Häuser und Kollegen die Datengrundlage von Fachinformationen und Packungsbeilagen kritisch [1].
Das hat Folgen dafür, wie Sie die Angaben in der Packungsbeilage lesen. Die Packungsbeilage muss mit der Fachinformation übereinstimmen (§ 11 Abs. 1 Satz 1 AMG) [8]. In die Fachinformation sollen nach der EU-Leitlinie alle Nebenwirkungen aufgenommen werden, bei denen ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Arzneimittel nach sorgfältiger Prüfung zumindest begründet möglich ist [6]. Die Häufigkeit soll die rohe Rate angeben und nicht den Unterschied zu Placebo; tritt eine häufige, sehr häufige oder schwerwiegende Nebenwirkung auch unter Placebo in relevantem Umfang auf, können beide Raten genannt werden [6]. "Häufig" heißt dabei mindestens 1 von 100 und weniger als 1 von 10 Behandelten, "sehr häufig" mindestens 1 von 10 [6]. Was die Angaben bedeuten, rechnet das Werkzeug Was heißt "häufig"? um; mehr zu den Häufigkeitsklassen im Ratgeber Beipackzettel verstehen.
Beispiel Statine: Muskelbeschwerden und Nocebo-Effekt
Schmerzende oder müde Muskeln sind laut IQWiG eine mögliche Nebenwirkung von Statinen. In großen Vergleichsstudien über fünf Jahre gaben Menschen unter einem Scheinmedikament fast so oft Muskelbeschwerden an wie Menschen unter einem Statin [4]. Muskelbeschwerden sind laut IQWiG auch ohne Statine häufig, und manche Menschen bringen die Medikamente irrtümlich mit ihren Beschwerden in Verbindung [4]. Auch in den Placebogruppen von Studien zu Statinen brachen laut Häuser und Kollegen Teilnehmende die Einnahme wegen Nebenwirkungen ab [1].
Die Leitliniengruppe der Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Chronische KHK vermutet insbesondere bei Muskelschmerzen einen starken Nocebo-Effekt, weil die verblindeten Vergleiche keine Unterschiede zu Placebo zeigten (hohe Aussagesicherheit) [5]. Ähnliches beschreibt Colloca für eine große Studie mit einem Statin: In der verblindeten Phase zeigte sich kein Anstieg von Nebenwirkungen; die Studienautoren schlossen daraus, dass das Mehr an Muskelbeschwerden nur auftrat, wenn Teilnehmende und Behandelnde wussten, dass das Statin gegeben wurde [2]. Beim Vorgehen bei Unverträglichkeit hebt die NVL die gemeinsame Klärung der Ursachen hervor; dem Ausschluss anderer Ursachen, insbesondere eines Nocebo-Effekts, kommt laut Leitliniengruppe erfahrungsgemäß große Bedeutung zu [5]. Bei Nebenwirkungen unter Statinen soll laut NVL versucht werden, die Behandlung mit einer geringeren Dosis oder einem anderen Statin weiterzuführen (Empfehlung 7-9, starke Empfehlung) [5]. Das entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Mehr dazu: Muskelschmerzen durch Medikamente, Hoher Cholesterinspiegel und Koronare Herzkrankheit.
Für wen es besonders wichtig ist
- Menschen mit früheren Nebenwirkungen: Wer schon einmal Nebenwirkungen hatte, ist laut Planès und Kollegen eher erneut betroffen, als Folge früherer Konditionierung; wer schon vor einer Behandlung unspezifische Beschwerden hat, berichtet sie eher als Nebenwirkung eines neuen Mittels [3].
- Menschen mit Angst oder Depression: Menschen mit Angst oder Depression und mit einer Neigung zur Somatisierung entwickeln laut Planès und Kollegen eher Nocebo-Reaktionen [3]. Ziel der Forschung ist laut Häuser und Kollegen, Risikogruppen wie Menschen mit starker Angst zu erkennen und das Behandlungsumfeld darauf abzustimmen [1]. Mehr: Angststörung und Depression.
- Menschen vor einer Operation oder in einer akuten Notlage: In Situationen, die als existenziell bedrohlich erlebt werden, etwa vor einer Operation, bei einer akuten schweren Erkrankung oder nach einem Unfall, sind Patientinnen und Patienten laut Häuser und Kollegen besonders empfänglich für negative Suggestionen [1]. Mehr: Medikamente vor einer Operation.
- Menschen nach einem Präparatewechsel: Nach einer qualitativen Übersichtsarbeit haben Menschen mit Angst, Depressivität und Neigung zur Somatisierung nach einem Wechsel auf ein Generikum ein höheres Risiko für Nebenwirkungen [1]. Nach einem Wechsel vom Original auf ein Biosimilar beendeten in einer Beobachtungsstudie manche Patientinnen und Patienten die Behandlung, obwohl sich ihre Erkrankung nicht verschlechtert hatte [2]. Was beim Austausch gilt, erklärt der Ratgeber Generika und Originalpräparate.
So gehen Sie vor
- Beschwerden festhalten Notieren Sie, wann eine Beschwerde begonnen hat und wie sie sich entwickelt. Ob sie vom Medikament, von der Erkrankung, von einer anderen Erkrankung oder von einer vorübergehenden Unpässlichkeit kommt, ist laut Häuser und Kollegen auch im Praxisalltag eine offene Frage [1]. Eine Vorlage bietet das Nebenwirkungs-Tagebuch.
- Beschwerden ansprechen Wenn Sie Nebenwirkungen bemerken, wenden Sie sich laut der Standardformulierung der Packungsbeilage an Ihren Arzt oder Apotheker; das gilt auch für Nebenwirkungen, die nicht in der Packungsbeilage stehen [7]. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
- Die Packungsbeilage richtig lesen Sie stimmt mit der Fachinformation überein, in die alle Nebenwirkungen gehören sollen, bei denen ein Zusammenhang zumindest begründet möglich ist, mit roher Häufigkeit [6, 8]. Der Standardsatz dazu lautet: Wie alle Arzneimittel kann auch dieses Arzneimittel Nebenwirkungen haben, die aber nicht bei jedem auftreten müssen [7].
- Über die Aufklärung sprechen Häuser und Kollegen schlagen Ärztinnen und Ärzten vor, die Verträglichkeit in den Vordergrund zu stellen, etwa den Anteil der Behandelten zu nennen, die eine Behandlung vertragen, statt nur den Anteil mit Nebenwirkungen; in einer Studie zur Grippeimpfung berichtete die so aufgeklärte Gruppe danach über weniger Nebenwirkungen [1]. Als weiteren Weg nennen sie, vor einer Verordnung zu fragen, ob Sie auf Informationen über leichte oder vorübergehende Nebenwirkungen verzichten möchten; über schwere oder bleibende Nebenwirkungen muss nach ihrem Vorschlag trotzdem aufgeklärt werden [1]. Fragen für das Gespräch sammelt das Werkzeug Fragen für das Arztgespräch.
- Verdacht melden Jede Packungsbeilage enthält einen Standardtext, der Sie auffordert, jeden Verdachtsfall einer Nebenwirkung zu melden, an Ärztin, Arzt, Apotheke oder direkt an die zuständige Bundesoberbehörde (§ 11 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 Buchst. c AMG) [8]. Wie das geht, erklärt der Ratgeber Nebenwirkung melden.
Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen
Ein Nocebo-Effekt erklärt nicht jede Beschwerde. Die Packungsbeilage muss die Nebenwirkungen beschreiben, die bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eintreten können, und angeben, welche Gegenmaßnahmen bei Nebenwirkungen zu ergreifen sind (§ 11 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 Buchst. a und b AMG) [8]. Was bei Nebenwirkungen zu tun ist, steht nach der EU-Vorlage in Abschnitt 4 der Packungsbeilage, "Welche Nebenwirkungen sind möglich?" [7, 8]. Unter Statinen kann sich die schwerste Form einer Muskelschädigung (Rhabdomyolyse) laut IQWiG neben schmerzenden oder schnell ermüdenden Muskeln auch durch rötlich oder dunkel verfärbten Urin zeigen; bei diesen Symptomen ist es wichtig, die Einnahme zu unterbrechen und umgehend ärztlichen Rat einzuholen [4].
Quellen
- Häuser W, Hansen E, Enck P: Nocebo phenomena in medicine: their relevance in everyday clinical practice. Dtsch Arztebl Int 2012;109(26):459-65. DOI: 10.3238/arztebl.2012.0459 (Übersichtsarbeit). Deutsches Ärzteblatt International. Stand 29.06.2012. abgerufen am 18.10.2026
- Colloca L: The Nocebo Effect. Annu Rev Pharmacol Toxicol 2024;64:171-190. DOI: 10.1146/annurev-pharmtox-022723-112425 (Übersichtsarbeit, Autorenmanuskript in PubMed Central). Annual Reviews. Stand online 16.08.2023. abgerufen am 18.10.2026
- Planès S, Villier C, Mallaret M: The nocebo effect of drugs. Pharmacol Res Perspect 2016;4(2):e00208. DOI: 10.1002/prp2.208 (Übersichtsarbeit). Pharmacology Research and Perspectives. Stand 17.03.2016. abgerufen am 18.10.2026
- Wann sind Statine sinnvoll? (Abschnitte zu Nebenwirkungen und Muskelschäden). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 06.08.2025. abgerufen am 18.10.2026
- Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK, Langfassung, Version 7.0 (AWMF-Register-Nr. nvl-004), Empfehlung 7-9 mit Rationale und Empfehlung 7-16 mit Abbildung 7 und Rationale. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (NVL-Programm). Stand Version 7.0, verabschiedet am 15.08.2024. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde A Guideline on Summary of Product Characteristics (SmPC), Revision 2, Abschnitt 4.8 Undesirable effects. Europäische Kommission, Notice to Applicants Volume 2C. Stand 09/2009. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde QRD-Vorlage für Produktinformationen, Version 10.4, deutsche Fassung mit markierten Änderungen (Packungsbeilage, Abschnitt 4). Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Stand 02/2024. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde § 11 Arzneimittelgesetz (AMG): Packungsbeilage (Absatz 1 Satz 1 Nummer 3 und 5). Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, gesetze-im-internet.de. Stand AMG zuletzt geändert durch Art. 2 Abs. 4 G v. 12.05.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 143); Änderung durch Art. 6 G v. 26.06.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 195) textlich nachgewiesen. abgerufen am 18.10.2026
Häufige Fragen
Was ist der Nocebo-Effekt?
Als Nocebo-Effekt gilt die Auslösung einer als negativ empfundenen Beschwerde durch eine Scheinbehandlung oder durch negative Erwartungen. Entstehen neue oder stärkere Beschwerden allein durch negative Erwartungen oder negative Äußerungen der Behandelnden, ganz ohne (Schein-)Behandlung, sprechen Häuser und Kollegen von einer Nocebo-Reaktion. Als Mechanismen nennen sie Lernen durch Konditionierung und Reaktionen auf Erwartungen, die durch Worte und Informationen entstehen.
Was ist der Unterschied zwischen Placebo- und Nocebo-Effekt?
Jede Behandlung hat laut Häuser und Kollegen spezifische Wirkungen, die auf das Mittel selbst zurückgehen, und unspezifische Wirkungen. Die unspezifischen heißen Placebo-Effekte, wenn sie nützen, und Nocebo-Effekte, wenn sie schaden. Beide entstehen aus dem gesamten Behandlungsumfeld: Erwartungen, frühere Erfahrungen und das, was Behandelnde sagen und wie sie es sagen.
Bilde ich mir die Beschwerden dann nur ein?
Nocebo-Effekte sind laut der Übersichtsarbeit von Colloca neurobiologische Vorgänge. Sie können die Stressreaktion des Körpers mit Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin auslösen, was zu Beschwerden wie schnellerem Herzschlag, Schwitzen und Muskelanspannung führen kann; die Erwartung von Schmerz kann dieselben Hirnregionen aktivieren, die tatsächlichen Schmerz verarbeiten. Ob eine Beschwerde vom Medikament, von der Erkrankung oder von etwas anderem kommt, klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Sollte ich die Packungsbeilage lieber nicht lesen?
Die Packungsbeilage enthält Angaben, die vor der Einnahme bekannt sein müssen, etwa Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Warnhinweise, außerdem die bei Nebenwirkungen zu ergreifenden Gegenmaßnahmen (§ 11 AMG). Als einen möglichen Weg schlagen Häuser und Kollegen vor, dass Ärztinnen und Ärzte vor einer Verordnung fragen, ob Sie auf Informationen über leichte oder vorübergehende Nebenwirkungen verzichten möchten; über schwere oder bleibende Nebenwirkungen muss nach ihrem Vorschlag trotzdem aufgeklärt werden. Wie die Häufigkeitsangaben gemeint sind, erklärt der Ratgeber Beipackzettel verstehen.
Soll ich mein Medikament absetzen, wenn ich einen Nocebo-Effekt vermute?
Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab. Bei Statinen etwa hält es das IQWiG nicht für sinnvoll, die Behandlung beim ersten Verdacht auf eine Nebenwirkung zu beenden; solche Beschwerden sollte man stattdessen mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen. Was bei schweren Nebenwirkungen sofort zu tun ist, steht in Abschnitt 4 der Packungsbeilage.
Wer ist für den Nocebo-Effekt besonders anfällig?
Laut der Übersichtsarbeit von Planès und Kollegen sind Menschen, die schon einmal Nebenwirkungen hatten, eher erneut betroffen; wer schon vor einer Behandlung unspezifische Beschwerden hat, berichtet sie eher als Nebenwirkung eines neuen Mittels. Menschen mit Angst oder Depression und mit einer Neigung zur Somatisierung entwickeln demnach eher Nocebo-Reaktionen. Auch Situationen, die als existenziell bedrohlich erlebt werden, etwa eine bevorstehende Operation, machen laut Häuser und Kollegen besonders empfänglich für negative Suggestionen.
Kommen Muskelschmerzen unter Statinen vom Nocebo-Effekt?
Das lässt sich im Einzelfall nur ärztlich klären. In großen Vergleichsstudien über fünf Jahre gaben laut IQWiG Menschen unter einem Scheinmedikament fast so oft Muskelbeschwerden an wie Menschen unter einem Statin. Die Leitliniengruppe der NVL Chronische KHK vermutet bei Muskelschmerzen einen starken Nocebo-Effekt, weil verblindete Vergleiche keine Unterschiede zu Placebo zeigten. Ob Ihre Beschwerden vom Statin kommen, klärt Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
Gibt es den Nocebo-Effekt auch beim Wechsel auf ein anderes Präparat?
Häuser und Kollegen berichten, dass der Austausch gegen wirkstoffgleiche Präparate in Deutschland zu Klagen über schlechtere Wirkung oder mehr Nebenwirkungen geführt hat; nach einer qualitativen Übersichtsarbeit haben Menschen mit Angst, Depressivität und Neigung zur Somatisierung nach einem Wechsel auf ein Generikum ein höheres Risiko für Nebenwirkungen. Colloca beschreibt ähnliche Beobachtungen beim Wechsel vom Original auf ein Biosimilar. Beschwerden nach einem Wechsel gehören trotzdem in das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder Apotheke; was beim Austausch gilt, erklärt der Ratgeber Generika und Originalpräparate.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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