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Tinnitus
Tinnitus sind Ohrgeräusche wie Pfeifen, Rauschen oder Brummen ohne äußeren Anlass; meist verschwinden sie von selbst, halten sie länger als drei Monate an, spricht man von chronischem Tinnitus. Laut S3-Leitlinie (Stand 09/2021) soll bei chronischem Tinnitus eine Verhaltenstherapie empfohlen werden (starke Empfehlung), Beratung und bei Hörverlust Hörgeräte sollten empfohlen werden (Empfehlung); auch laut IQWiG ist die kognitive Verhaltenstherapie am besten untersucht. Medikamente zur Behandlung des chronischen Tinnitus sollen laut Leitlinie nicht eingesetzt werden (starke Empfehlung), laut IQWiG gibt es keine Belege für ihre Wirkung; begleitende Depressionen oder Angststörungen sollten dagegen nach den jeweiligen Leitlinien behandelt werden, dabei können auch Medikamente eingesetzt werden. Hält ein plötzlich schlechteres Hören an, holen Sie umgehend ärztlichen Rat ein.

Tinnitus sind Ohrgeräusche ohne äußeren Anlass, etwa ein Pfeifen, Rauschen oder Brummen [1, 3]. Meist verschwinden sie von selbst wieder; halten sie länger als drei Monate an, spricht man von einem chronischen Tinnitus [1]. Für den chronischen Tinnitus empfiehlt die S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus (Stand 09/2021) Beratung, psychotherapeutische Maßnahmen und Maßnahmen zur Hörverbesserung; Medikamente zur Behandlung des chronischen Tinnitus sollen nicht eingesetzt werden (starke Empfehlung) [4]. Laut IQWiG ist bisher für keine Behandlung nachgewiesen, dass sie einen chronischen Tinnitus lindern kann; eine kognitive Verhaltenstherapie kann aber helfen, besser mit den Ohrgeräuschen zurechtzukommen [2].
Was ist Tinnitus?
Tinnitus ist der lateinische Begriff für "Klingeln". Das Geräusch kann laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) auch ein Pfeifen, Summen, Brummen, Rauschen, Klicken oder Klopfen sein [1]. Die S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC, Stand September 2021) beschreibt Tinnitus als Symptom des Hörsystems und definiert einen chronischen Tinnitus als Tinnitus, der mindestens 3 Monate besteht [4].
Ärztinnen und Ärzte unterscheiden laut IQWiG mehrere Formen [1]:
- Subjektiv oder objektiv: Einen subjektiven Tinnitus hören nur die Betroffenen selbst. Beim sehr seltenen objektiven Tinnitus kann die Ärztin oder der Arzt das Geräusch ebenfalls hören, zum Beispiel Pulsgeräusche in der Halsschlagader.
- Primär oder sekundär: Lässt sich keine Ursache finden, spricht man von einem primären oder idiopathischen Tinnitus. Ein sekundärer Tinnitus hat eine eindeutige Ursache, etwa ein geplatztes Trommelfell oder eine Gefäßerkrankung.
- Akut oder chronisch: Ab drei Monaten Dauer gilt ein Tinnitus als chronisch.
Wie stark Ohrgeräusche belasten, ist sehr unterschiedlich. Die Leitlinie unterscheidet einen kompensierten Tinnitus, mit dem Betroffene so zurechtkommen, dass keine weiteren Beschwerden entstehen, von einem dekompensierten Tinnitus, der alle Lebensbereiche stark beeinträchtigt und zur Entstehung oder Verschlimmerung von Begleiterkrankungen wie Angst, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder Depressionen führt [4]. Zwischen 5 und 15 Prozent aller Erwachsenen erleben laut IQWiG irgendwann einen länger anhaltenden Tinnitus, am häufigsten ab dem 50. Lebensjahr. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen sind die Ohrgeräusche so stark, dass eine Behandlung nötig ist [1].
Symptome
Ein Tinnitus kann in einem oder in beiden Ohren zu hören sein. Manche haben das Gefühl, das Geräusch komme aus dem Kopf, andere hören es wie von außen. Es kann dauerhaft da sein oder kommen und gehen, mal kaum hörbar und dann wieder sehr laut [1]. Ein Tinnitus kann mit einem Hörverlust einhergehen, muss es aber nicht; meist können Menschen mit Tinnitus normal hören [1]. Laut Leitlinie geht ein chronischer Tinnitus allerdings sehr oft mit einer Hörminderung einher [4].
Ein chronischer Tinnitus kann die Lebensqualität einschränken und zu Schlaf- und Konzentrationsstörungen führen [1]. Wird die Belastung sehr stark, ziehen sich manche Menschen zurück; manchmal kann das eine Depression begünstigen oder auslösen [1]. Bei manchen wird das Gehör empfindlicher, sodass eine laute Umgebung unangenehm ist (Hyperakusis) [1]. Laut Leitlinie treten Angststörungen, Depressionen und Schlafstörungen bei Menschen mit Tinnitus häufiger auf; Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind zugleich Risikofaktoren für einen Tinnitus und können ihn verstärken [4]. Mehr dazu: Depression, Angststörung und Schlafstörungen.
Ursachen und Risikofaktoren
Sehr oft ist ein Tinnitus laut IQWiG die Folge von Lärm, der die Sinneszellen der Hörschnecke im Innenohr geschädigt hat. Das betrifft vor allem Menschen, die sich häufig in lauter Umgebung aufhalten; auch eine kurze extreme Lautstärke wie eine Explosion oder ein Schuss aus nächster Nähe kann einen Tinnitus auslösen [1]. Andere mögliche Ursachen sind laut IQWiG [1]:
- ein mit Ohrenschmalz verstopfter Gehörgang,
- eine chronische Mittelohrentzündung,
- ein geplatztes Trommelfell,
- Otosklerose, eine Knochenerkrankung im Mittel- und Innenohr, die zu Hörverlust führt,
- die Menière-Krankheit, eine Erkrankung des Innenohrs mit Tinnitus, Schwindel und Hörverlust,
- Probleme mit den Kiefermuskeln oder dem Kiefergelenk.
Nimmt ein Ohrgeräusch im Rhythmus des Herzschlags zu und ab (pulssynchroner Tinnitus), kann zum Beispiel ein hoher Blutdruck die Ursache sein [1]. Mehr dazu: Bluthochdruck. Ob Stress einen Tinnitus auslösen kann, wird laut IQWiG diskutiert; der Zusammenhang ist unklar [1]. Bei vielen Menschen lässt sich gar keine Ursache feststellen [1]. Tritt ein Tinnitus plötzlich zusammen mit einem Hörverlust auf, kann ein Hörsturz dahinterstecken [10].
Medikamente als Ursache: Vereinzelt können Ohrgeräusche laut IQWiG eine seltene Nebenwirkung von Medikamenten wie bestimmten Antibiotika, Krebs- oder Malariamitteln sein [1]. Auch das Schmerzmittel Acetylsalicylsäure (ASS) kann in sehr hoher Dosierung Ohrgeräusche auslösen [3]. Bei der Diagnose fragt die Ärztin oder der Arzt deshalb auch, welche Medikamente in welcher Dosis eingenommen werden [1]. Welche Wirkstoffe Ohrgeräusche oder Hörstörungen als Nebenwirkung nennen, steht auf der Seite Tinnitus durch Medikamente.
Diagnose
Zuerst fragt die Ärztin oder der Arzt nach den Beschwerden: wie sich die Ohrgeräusche anhören, wann sie auftreten und ob es weitere Beschwerden wie Ohrenschmerzen oder ein Druckgefühl im Ohr gibt [1]. Beim idiopathischen Tinnitus sind laut IQWiG meist beide Ohren betroffen; ein einseitiger Tinnitus mit Ohrenschmerzen weist auf eine bestimmte, meist behandelbare Ursache hin [1]. Meist folgen eine Untersuchung des Gehörgangs und Hörtests. Außerdem werden die Gefäße am Hals abgehört; um Probleme im Kieferbereich auszuschließen, kann eine zahnärztliche Untersuchung sinnvoll sein [1].
Laut Leitlinie sollte bei chronischem Tinnitus einmal oder bei einer deutlichen Verschlechterung eine Basisdiagnostik erfolgen (Expertenkonsens) [4]. Dazu gehören unter anderem eine Untersuchung durch die HNO-Ärztin oder den HNO-Arzt mit Ohrmikroskopie, verschiedene Hörtests, eine Bestimmung von Lautstärke und Frequenz des Tinnitus, eine orientierende Prüfung des Gleichgewichts, von Halswirbelsäule und Kauapparat sowie eine Messung von Blutdruck und Puls [4]. Wie stark der Tinnitus belastet, lässt sich mit standardisierten Fragebögen erfassen [4]. Weitere Untersuchungen sollten laut Leitlinie individuell nach den Ergebnissen von Befragung und Basisdiagnostik erfolgen (Expertenkonsens) [4]. Nehmen Sie zum Termin eine Liste Ihrer Medikamente mit, zum Beispiel den Medikationsplan.
Behandlung ohne Medikamente
Die Behandlung hängt laut IQWiG von der Ursache ab. Eine zugrunde liegende Erkrankung wird behandelt, zum Beispiel ein Bluthochdruck mit Medikamenten; ist das möglich, verschwindet meist auch der Tinnitus [1]. Bei unbekannter Ursache geht es vor allem darum, die Beschwerden zu lindern und Wege zu finden, trotz Tinnitus gut im Alltag zurechtzukommen [1]. Für den chronischen Tinnitus nennt die S3-Leitlinie diese Maßnahmen [4]:
- Beratung (Tinnitus-Counselling): Sie sollte als Grundlage der Behandlung empfohlen werden (Empfehlung). Dazu gehört eine Erklärung der Untersuchungsergebnisse.
- Verhaltenstherapie: Sie soll in ihren verschiedenen Formen empfohlen werden (starke Empfehlung).
- Hörgeräte: Sie sollten bei chronischem Tinnitus mit Hörverlust empfohlen werden (Empfehlung).
- Cochlea-Implantat: Es soll bei Taubheit und an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit empfohlen werden, auch bei einseitig ertaubten Menschen mit Tinnitus (starke Empfehlung).
- Hörtherapie: Sie sollte empfohlen werden (Empfehlung).
- Tinnitus-Retraining-Therapie: Sie kann als langfristige Maßnahme erwogen werden; Rauschgeräte sind dafür nicht erforderlich (offene Empfehlung).
- Manuelle Medizin und Physiotherapie: Sie sollten angeboten werden, wenn sich der Tinnitus durch begleitende Veränderungen an Halswirbelsäule und Kauapparat verändert (Empfehlung).
- Selbsthilfe: Menschen mit chronischem Tinnitus sollten zur Teilnahme an Selbsthilfeangeboten motiviert werden (Empfehlung).
Am besten untersucht ist laut IQWiG die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), bei der man lernt, mit einem chronischen Tinnitus besser zurechtzukommen [1]. Die Ohrgeräusche verschwinden dadurch nicht, die Lebensqualität kann sich aber während der Therapie verbessern; möglicherweise lindert sie auch depressive Beschwerden. Ob die Wirkung nach dem Ende der Therapie anhält, ist unklar [2]. Die gesetzliche Krankenkasse kann eine KVT erstatten, wenn Betroffene stark unter dem Tinnitus leiden oder er zusammen mit einer anderen Erkrankung wie einer Depression auftritt [2]. Geht ein Tinnitus mit einem Hörverlust einher, kann laut IQWiG ein Hörgerät sinnvoll sein [2].
Nicht empfohlen: Rauschgeräte (Noiser) sollten laut Leitlinie bei chronischem Tinnitus nicht empfohlen werden (Empfehlung). Die Behandlung mit gefilterter Musik (Tailor-Made-Notched-Music-Therapie), Klangtherapie, die Magnetstimulation der Hörrinde, elektrische Stimulationsverfahren wie die Vagusnerv-Stimulation, Lasertherapie und Akupunktur sollten nicht angewendet werden (Empfehlung) [4]. Akustische Neuromodulation und eingreifende elektrische Hirnstimulation sollen nicht angewendet werden (starke Empfehlung); auf Musiktherapie kann verzichtet werden (offene Empfehlung) [4]. Auch für Akupunktur, Entspannungstechniken, die Sauerstoff-Überdruckbehandlung, Hypnose und Nahrungsergänzungsmittel wie bestimmte Vitamine oder Zink ist die Wirksamkeit laut IQWiG nicht nachgewiesen [2].
Behandlung mit Medikamenten

Medikamente zur Behandlung des chronischen Tinnitus sollen laut S3-Leitlinie (Stand 09/2021) nicht eingesetzt werden (starke Empfehlung) [4]. Begründet wird das mit unzureichenden Daten zur Wirksamkeit bei Hinweisen auf möglicherweise erhebliche Nebenwirkungen. Als Belege gegen eine Empfehlung nennt die Leitlinie Studien zu Betahistin, Ginkgo, Antidepressiva, Benzodiazepinen, Zink, Melatonin, Cannabis, Oxytocin, Steroiden und Gabapentin [4]. Weder die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) noch die US-Behörde FDA hat laut Leitlinie ein Präparat zur Behandlung von Tinnitus zugelassen [4]. Auch laut IQWiG gibt es keine wissenschaftlichen Belege, dass Medikamente gegen einen chronischen Tinnitus wirken; teilweise können sie starke Nebenwirkungen haben [2].
Davon unterscheidet die Leitlinie die Behandlung häufiger Begleiterkrankungen wie Angststörungen und Depressionen: Sie sollten nach den jeweiligen Leitlinien behandelt werden, dabei können auch Medikamente eingesetzt werden [4]. Antidepressiva werden laut Leitlinie nicht eingesetzt, um den Tinnitus zu verbessern, sondern um eine begleitende Depression, Angst oder eine belastende Schlafstörung zu behandeln [4]. Welches Mittel infrage kommt, richtet sich nach der Leitlinie zur jeweiligen Begleiterkrankung; mehr dazu auf den Seiten Depression und Angststörung [4].
| Wirkstoffgruppe | Beispiele | Wie sie wirken | Häufige Nebenwirkungen |
|---|---|---|---|
| Ginkgo-Extrakt (pflanzliches Arzneimittel) | Ginkgo-biloba-Extrakt, als 120-mg-Tabletten zugelassen zur unterstützenden Behandlung von Ohrgeräuschen infolge von Durchblutungsstörungen oder altersbedingten Rückbildungsvorgängen [5]. Für den chronischen Tinnitus sehen Leitlinie und IQWiG keinen Wirksamkeitsnachweis [2, 4] | Laut Fachinformation wurden beim Menschen eine Förderung der Durchblutung, vor allem der kleinsten Blutgefäße, und eine Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes nachgewiesen [6] | Häufigkeit laut Packungsbeilage nicht gesichert angebbar: leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder Verstärkung bestehender Schwindelbeschwerden; Blutungen an einzelnen Organen, allergische Reaktionen [5] |
Ginkgo
Ginkgo-Präparate mit 120 mg Extrakt je Filmtablette werden laut Packungsbeilage unter anderem zur unterstützenden Behandlung von Ohrgeräuschen infolge von Durchblutungsstörungen oder altersbedingten Rückbildungsvorgängen angewendet [5]. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind die Tabletten nicht vorgesehen, in der Schwangerschaft dürfen sie nicht eingenommen werden [5]. Die Angaben zur Einnahme stehen auf der Wirkstoffseite unter Dosierung.
Für den chronischen Tinnitus zeigen Cochrane-Analysen laut Leitlinie keinen Wirksamkeitsnachweis für Ginkgo [4]. Auch das IQWiG zählt Ginkgo zu den Medikamenten ohne Wirksamkeitsnachweis bei chronischem Tinnitus und weist auf Wechselwirkungen hin: Ginkgo kann die Wirkung von Blutverdünnern verstärken, was Blutungen auslösen kann [2]. Bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Mittel wie Phenprocoumon, Clopidogrel oder ASS kann laut Packungsbeilage deren Wirkungsverstärkung nicht ausgeschlossen werden; bei krankhaft erhöhter Blutungsneigung oder einer Behandlung mit gerinnungshemmenden Mitteln sollte Ginkgo nur nach Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt angewendet werden [5]. Mehr dazu: Blutverdünner.
Kortison bei plötzlichem Tinnitus mit Hörverlust
Die Leitlinie gilt nur für den chronischen Tinnitus. Für einen akuten Tinnitus, besonders zusammen mit einem plötzlichen Hörverlust oder als Folge davon, verweist sie auf die Leitlinie zum Hörsturz und die dort empfohlene Kortisonbehandlung im ganzen Körper oder als Spritze ins Mittelohr [4]. Tritt ein Tinnitus akut ohne messbaren Hörverlust auf, wird die beim Hörsturz übliche Kortisonbehandlung laut Leitlinie nicht empfohlen [4]. Beim Hörsturz werden laut IQWiG in der Regel Glukokortikoide wie Prednisolon oder Dexamethason eingesetzt [11]. Prednisolon wirkt laut Fachinformation in höheren als den zum Hormonersatz nötigen Dosen rasch entzündungshemmend und verzögert immunsuppressiv, also die Abwehr dämpfend [9]. Für Tinnitus und Hörsturz sind diese Mittel nicht zugelassen: Ein für die gezielte Behandlung des Hörsturzes zugelassenes Medikament gibt es laut gesund.bund.de bisher nicht, die Behandlung stützt sich auf Erfahrungswerte [12], und in den Packungsbeilagen von Prednisolon und Dexamethason stehen weder Tinnitus noch Hörsturz unter den Anwendungsgebieten [8, 13]. Mehr dazu auf der Seite Hörsturz. Bei chronischem Tinnitus beeinflusst eine Kortisonspritze ins Mittelohr den Tinnitus laut Leitlinie nicht, wenn er nicht zusammen mit einem akuten Hörverlust auftritt [4].
Betahistin
Betahistin ist laut Packungsbeilage ein Mittel gegen Schwindel im Rahmen der Menière-Krankheit. Es wird bei Funktionsstörungen des Gleichgewichtsorgans angewendet, deren Hauptbeschwerde Schwindel ist und zu denen häufig Ohrgeräusche, Ohrenschmerzen und eine Hörminderung gehören [7]. Für den chronischen Tinnitus zeigen Cochrane-Analysen laut Leitlinie keinen Wirksamkeitsnachweis für Betahistin [4]. Auch das IQWiG nennt Betahistin unter den Medikamenten ohne Wirksamkeitsnachweis bei chronischem Tinnitus [2]. Mehr zu Schwindel: Schwindel.
Nahrungsergänzungsmittel und andere Mittel
Nahrungsergänzungsmittel sollen laut Leitlinie bei chronischem Tinnitus nicht eingesetzt werden (starke Empfehlung) [4]. Gegen Ohrgeräusche werden laut IQWiG zahlreiche Mittel angeboten, etwa pflanzliche Präparate, Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente wie Kortison oder Carbamazepin; für keine dieser Behandlungen ist nachgewiesen, dass sie hilft, einige sind aber mit Nebenwirkungen verbunden [1]. Zu den Medikamenten ohne Wirksamkeitsnachweis zählt das IQWiG außerdem Epilepsie-Medikamente wie Gabapentin sowie Melatonin, Benzodiazepine, Cannabis und Oxytocin [2]. Mehr dazu: Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.
Nebenwirkungen der Medikamente
Ginkgo: Zur Häufigkeit der Nebenwirkungen sind laut Packungsbeilage der 120-mg-Tabletten keine gesicherten Angaben möglich, weil sie durch einzelne Meldungen bekannt wurden [5]. Genannt werden leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder eine Verstärkung bereits bestehender Schwindelbeschwerden [5]. Es können Blutungen an einzelnen Organen auftreten, vor allem bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Mittel; bei überempfindlichen Menschen kann es zu einem allergischen Schock kommen, außerdem zu allergischen Hautreaktionen mit Rötung, Schwellung und Juckreiz [5]. Bei Blutungen oder einer allergischen Reaktion nehmen Sie das Mittel laut Packungsbeilage nicht nochmals ein und wenden sich umgehend an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt [5]. Mehr dazu: Blutungen und Blutbildveränderungen und Arzneimittelallergie.
Glukokortikoide: Bei einer Behandlung mit höheren Dosen als beim Hormonersatz hängen die Nebenwirkungen laut Packungsbeilage sehr stark von Dosis und Dauer ab; eine Häufigkeit gibt sie deshalb nicht an [8]. Auch die Packungsbeilage von Dexamethason nennt die Nebenwirkungen ohne Häufigkeit [13]. Bei einer kurzen Einnahme sind Nebenwirkungen laut IQWiG seltener; möglich sind zum Beispiel erhöhte Blutzuckerwerte, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Änderungen von Appetit und Gewicht und ein trockener Mund [11]. Kortisonspritzen ins Mittelohr können Schmerzen im Ohr, vorübergehenden Schwindel oder eine Mittelohrentzündung verursachen [11]. Mehr dazu: Glukokortikoide.
Antidepressiva: Laut IQWiG können sie Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Kreislaufprobleme auslösen und die sexuelle Lust dämpfen [2]. Welche Nebenwirkungen bei welchem Wirkstoff wie häufig sind, steht auf den Wirkstoffseiten und auf der Seite Antidepressiva.
Betahistin: Häufig, also bei bis zu 1 von 10 Behandelten, sind laut Packungsbeilage Kopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsstörungen [7]. Bei plötzlichen Schwellungen an Gesicht, Lippen, Zunge oder Rachen mit Schluck- oder Atembeschwerden kontaktieren Sie laut Packungsbeilage sofort eine Ärztin oder einen Arzt [7].
Ohrgeräusche können selbst eine Nebenwirkung sein: Welche Mittel infrage kommen, steht auf der Seite Tinnitus durch Medikamente. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab. Nebenwirkungen können Sie Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke mitteilen oder direkt dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) melden [5]. Wie das geht, erklärt der Ratgeber Nebenwirkung melden.
Leben mit Tinnitus
Für jeden Menschen ist es laut IQWiG wichtig, sich vor zu lauten Geräuschen zu schützen, etwa indem man Orte mit hohem Lärmpegel meidet oder Gehörschutzstöpsel verwendet. Das verringert das Risiko, einen Tinnitus zu bekommen oder dass ein bestehender Tinnitus chronisch wird [1]. Für Geräte, die ein Rauschen abgeben (Tinnitus-Masker und Noiser), ist die Wirksamkeit laut IQWiG nicht nachgewiesen. Um für eine Geräuschkulisse zu sorgen, die den Tinnitus weniger störend macht, kann man laut IQWiG aber zum Beispiel Aufnahmen von Meeresrauschen abspielen oder einen Zimmerspringbrunnen aufstellen [2].
Für Menschen mit Tinnitus gibt es Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die vor Ort unterschiedlich organisiert sind [1]. Erste Anlaufstelle ist meist die Hausarztpraxis [1]. Wenn Ohrgeräusche den Schlaf stören oder die Stimmung drücken, sprechen Sie das in der Praxis an; Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angststörungen sollten laut Leitlinie behandelt werden [4]. Weil Behandlungen auch Nebenwirkungen haben können, ist es laut IQWiG nicht sinnvoll, alle erdenklichen Therapien auszuprobieren [2].
Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen
Kommt zum Tinnitus plötzlich ein Hörverlust, kann ein Hörsturz dahinterstecken [10]. Hält eine plötzliche Hörminderung an, sollte laut gesund.bund.de umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden, insbesondere bei zusätzlichem Schwindel [12]. Bei plötzlich auftretender Schwerhörigkeit oder einem Hörverlust sollte laut Packungsbeilage von Ginkgo-Präparaten unverzüglich eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden; häufig auftretende Schwindelgefühle und Ohrensausen bedürfen grundsätzlich einer ärztlichen Abklärung [5]. Eine rasche Behandlung innerhalb von 1 bis 2 Tagen wird laut IQWiG beim Hörsturz empfohlen, wenn der Hörverlust stark oder belastend ist, wenn bereits eine andere Erkrankung der Ohren besteht oder wenn Schwindel hinzukommt; bei sehr starkem Schwindel ist es ratsam, noch am selben Tag eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen [10].
Plötzlich auftretende Schwäche, Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen und Taubheitsgefühle, ein Gesichtsfeldausfall oder ein herabhängender Mundwinkel gehören laut gesund.bund.de zu den häufigsten Anzeichen eines Schlaganfalls, ebenso Schwindel und ein unsicherer Gang. Bei jedem Verdacht auf einen Schlaganfall ist es wichtig, schnell den Notruf 112 zu wählen [14]. Mehr dazu: Schlaganfall.
Quellen
- Ohrgeräusche (Tinnitus). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 30.11.2022. abgerufen am 18.10.2026
- Was hilft bei chronischem Tinnitus und was nicht?. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 30.11.2022. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde Ohrgeräusche (Tinnitus). Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de (in Zusammenarbeit mit dem IQWiG). Stand 28.08.2024. abgerufen am 18.10.2026
- Leitlinie S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus (AWMF-Register-Nr. 017-064), veröffentlichte englische Fassung "S3 Guideline: Chronic Tinnitus", HNO 2022;70:795-827 (Kapitel 2 bis 4). Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). Stand 09/2021. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Ginkobil ratiopharm 120 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH (Zulassungsinhaber: Bioplanta Arzneimittel GmbH). Stand 01/2025. abgerufen am 18.10.2026
- Fachinformation Fachinformation Ginkobil ratiopharm 120 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH (Zulassungsinhaber: Bioplanta Arzneimittel GmbH). Stand 01/2025. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Betahistin STADA 6 mg Tabletten. STADAPHARM GmbH. Stand 03/2022. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Predni H Tablinen 5 mg. Winthrop Arzneimittel GmbH (Mitvertrieb Zentiva Pharma GmbH). Stand 07/2022. abgerufen am 18.10.2026
- Fachinformation Fachinformation Predni H Tablinen 5 mg/20 mg/50 mg, Tabletten. Winthrop Arzneimittel GmbH (Mitvertrieb Zentiva Pharma GmbH). Stand 07/2022. abgerufen am 18.10.2026
- Hörsturz. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 26.07.2023. abgerufen am 18.10.2026
- Wie wird ein Hörsturz behandelt?. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 26.07.2023. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde Hörsturz (geprüft durch die DGHNO-KHC). Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 11.03.2025. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Dexamethason-ratiopharm 4 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 03/2022. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde Schlaganfall. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de (in Zusammenarbeit mit dem IQWiG). Stand 16.12.2022. abgerufen am 18.10.2026
Häufige Fragen
Was hilft gegen Tinnitus?
Das hängt laut IQWiG von der Ursache ab: Lässt sich eine zugrunde liegende Erkrankung behandeln, verschwindet meist auch der Tinnitus. Bei unbekannter Ursache geht es vor allem darum, die Beschwerden zu lindern und gut im Alltag zurechtzukommen. Bei chronischem Tinnitus soll laut S3-Leitlinie (Stand 09/2021) eine Verhaltenstherapie empfohlen werden (starke Empfehlung); eine Beratung als Grundlage der Behandlung und bei Hörverlust Hörgeräte sollten empfohlen werden (Empfehlung). Am besten untersucht ist laut IQWiG die kognitive Verhaltenstherapie: Die Ohrgeräusche verschwinden dadurch nicht, die Lebensqualität kann sich aber verbessern.
Gibt es Tabletten gegen Tinnitus?
Medikamente zur Behandlung des chronischen Tinnitus sollen laut S3-Leitlinie (Stand 09/2021) nicht eingesetzt werden (starke Empfehlung), weil Daten zur Wirksamkeit fehlen, aber Hinweise auf teils erhebliche Nebenwirkungen bestehen. Weder die Europäische Arzneimittel-Agentur noch die US-Behörde FDA hat laut Leitlinie ein Präparat zur Behandlung von Tinnitus zugelassen. Auch laut IQWiG gibt es keine wissenschaftlichen Belege, dass Medikamente gegen einen chronischen Tinnitus wirken. Davon zu unterscheiden ist die Behandlung begleitender Depressionen oder Angststörungen, bei der laut Leitlinie auch Medikamente eingesetzt werden können.
Hilft Ginkgo bei Tinnitus?
Ginkgo-Präparate mit 120 mg Extrakt sind laut Packungsbeilage zur unterstützenden Behandlung von Ohrgeräuschen infolge von Durchblutungsstörungen oder altersbedingten Rückbildungsvorgängen zugelassen. Die Behandlung sollte laut Packungsbeilage mindestens 12 Wochen dauern; ist nach 6 Monaten kein Erfolg eingetreten, ist er auch bei längerer Behandlung nicht mehr zu erwarten. Für den chronischen Tinnitus zeigen Cochrane-Analysen laut S3-Leitlinie keinen Wirksamkeitsnachweis, und auch das IQWiG zählt Ginkgo zu den Mitteln ohne Beleg. In der Schwangerschaft darf Ginkgo laut Packungsbeilage nicht eingenommen werden; bei gleichzeitiger Einnahme blutgerinnungshemmender Mittel kann eine Verstärkung von deren Wirkung nicht ausgeschlossen werden.
Hilft Betahistin bei Tinnitus?
Betahistin ist laut Packungsbeilage gegen Schwindel im Rahmen der Menière-Krankheit zugelassen, bei der häufig Ohrgeräusche, Ohrenschmerzen und eine Hörminderung hinzukommen. Für den chronischen Tinnitus zeigen Cochrane-Analysen laut S3-Leitlinie keinen Wirksamkeitsnachweis für Betahistin. Auch das IQWiG nennt Betahistin unter den Medikamenten, deren Wirkung gegen chronischen Tinnitus nicht belegt ist.
Hilft Kortison bei Tinnitus?
Tritt ein Tinnitus plötzlich zusammen mit einem Hörverlust auf, wird er laut S3-Leitlinie wie ein Hörsturz behandelt, für den sie auf eine Kortisonbehandlung im ganzen Körper oder als Spritze ins Mittelohr verweist. Zugelassen ist Kortison dafür nicht: Ein für die gezielte Behandlung des Hörsturzes zugelassenes Medikament gibt es laut gesund.bund.de bisher nicht, und in den Packungsbeilagen von Prednisolon und Dexamethason stehen weder Tinnitus noch Hörsturz unter den Anwendungsgebieten. Tritt der Tinnitus ohne messbaren Hörverlust auf, wird die beim Hörsturz übliche Kortisonbehandlung laut Leitlinie nicht empfohlen. Gegen Ohrgeräusche ist für Kortison laut IQWiG nicht nachgewiesen, dass es hilft.
Geht ein Tinnitus wieder weg?
Meist verschwinden Ohrgeräusche laut IQWiG von selbst wieder. Ist die Ursache bekannt und behandelbar, kann der Tinnitus verschwinden; bei unklarem Auslöser kann er auch bestehen bleiben und chronisch werden. Die Beschwerden und Belastungen durch einen chronischen Tinnitus können über die Jahre aber auch wieder abnehmen.
Wann sollte ich mit Tinnitus zum Arzt?
Häufig auftretende Schwindelgefühle und Ohrensausen bedürfen laut Packungsbeilage von Ginkgo-Präparaten grundsätzlich einer ärztlichen Abklärung; bei plötzlich auftretender Schwerhörigkeit oder einem Hörverlust sollte unverzüglich eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden. Ein einseitiger Tinnitus mit Ohrenschmerzen weist laut IQWiG auf eine bestimmte, meist behandelbare Ursache hin; ein Geräusch im Rhythmus des Herzschlags kann zum Beispiel durch einen hohen Blutdruck entstehen. Bei plötzlicher Schwäche, Lähmungserscheinungen oder Sprachstörungen rufen Sie den Notruf 112.
Können Medikamente Tinnitus auslösen?
Ja. Vereinzelt können Ohrgeräusche laut IQWiG eine seltene Nebenwirkung von Medikamenten wie bestimmten Antibiotika, Krebs- oder Malariamitteln sein; laut gesund.bund.de kann zum Beispiel Acetylsalicylsäure (ASS) in sehr hoher Dosierung Ohrgeräusche auslösen. Welche Mittel infrage kommen und was Sie tun können, steht auf der Seite Tinnitus durch Medikamente. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
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