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Multiple Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist laut Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie die häufigste autoimmun vermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems; die Beschwerden treten in Schüben auf oder nehmen schleichend zu. Standard bei einem Schub ist laut Leitlinie hochdosiertes Kortison (Methylprednisolon), bei schubförmiger MS soll eine Immuntherapie begonnen werden. Gegen Beschwerden wie Spastik gibt es Physiotherapie und Medikamente. Bemerken Sie neue Beschwerden oder verschlechtert sich Ihre MS, sprechen Sie bald mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, zu dem Gehirn, Rückenmark und Sehnerven gehören [2]. Heilen lässt sie sich bislang nicht, aber verschiedene Behandlungen können den Verlauf verlangsamen [2]. Die Behandlung teilt sich in die Therapie akuter Schübe, eine Dauertherapie gegen das Fortschreiten und die Behandlung einzelner Beschwerden [2]. Grundlage dieser Seite ist die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), Version 9.0 von 2026 [1].
Was ist Multiple Sklerose?
MS ist laut Leitlinie die häufigste autoimmun vermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie führt zu Schäden (Läsionen) an mehreren Stellen des zentralen Nervensystems, die sich als Ausfälle in allen neurologischen Funktionen zeigen können, entweder in Schüben oder schleichend zunehmend [1]. Dabei wandern Immunzellen ins Nervensystem und greifen die Hülle der Nervenfasern an, die Myelinscheide; zerstörtes Gewebe vernarbt, was Fachleute Sklerose nennen [2]. In der Regel beginnt die Erkrankung zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr. Bei der häufigsten Verlaufsform sind Frauen zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer [1]. Hochgerechnet aus Versorgungsdaten lebten 2019 in Deutschland etwa 280.000 Menschen mit MS [1].
Die Leitlinie unterscheidet drei Verlaufsformen [1]:
- Schubförmig remittierende MS (RRMS): die häufigste Form zu Beginn, mit Schüben, deren Beschwerden sich vollständig oder teilweise zurückbilden [1].
- Sekundär progrediente MS (SPMS): entwickelt sich aus einer schubförmigen MS; die Behinderung nimmt zu, mit oder ohne aufgesetzte Schübe [1].
- Primär progrediente MS (PPMS): die Behinderung nimmt von Beginn an zu, vereinzelt kommen Schübe vor [1].
2017 hatten laut Daten der Betriebskrankenkassen, die die Leitlinie nennt, etwa 80 Prozent der Betroffenen eine RRMS, etwa 15 Prozent eine SPMS und etwa 5 Prozent eine PPMS [1]. Wie eine MS verläuft, lässt sich laut gesund.bund.de nur schwer vorhersagen [2].
Symptome
Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, welche Bereiche des Nervensystems betroffen sind [2]. Häufig sind laut gesund.bund.de [2]:
- schnelle und häufige Erschöpfbarkeit (Fatigue), die bei einem Großteil der Erkrankten auftritt
- Schwäche, Lähmungen oder Zittern
- Missempfindungen wie Taubheitsgefühl oder Ameisenkribbeln und Schmerzen, etwa Brennen an Armen und Beinen
- Sehstörungen wie eingeschränkte Sicht oder Doppeltsehen
- Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen
- Störungen der Blasen- und Darmentleerung
Schub: Ein Schub sind laut Leitlinie neue oder wieder auftretende neurologische Beschwerden, die mindestens 24 Stunden anhalten, mehr als 30 Tage nach dem Beginn des vorigen Schubs auftreten und nicht durch eine Änderung der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen), durch Infektionen oder eine andere körperliche Ursache entstehen [1]. Typisch sind zum Beispiel eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) oder eine unvollständige Entzündung des Rückenmarks (inkomplette Myelitis). Einzelne anfallsartige Beschwerden von wenigen Sekunden oder Minuten, etwa eine Trigeminusneuralgie, gelten nicht als Schub [1].
Ursachen und Risikofaktoren
Warum MS entsteht, ist laut gesund.bund.de bislang unklar. Fachleute gehen davon aus, dass eine erbliche Veranlagung und Umweltfaktoren zusammen eine Autoimmunreaktion auslösen, bei der sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet [2]. Das Risiko erhöhen laut gesund.bund.de unter anderem weibliches Geschlecht, ein Wohnort in nördlichen Breitengraden, Rauchen, Übergewicht in Kindheit und Jugend, ein Vitamin-D-Mangel, MS oder Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 in der Familie und eine frühere Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers [2]. Für die Sorge, dass Impfungen eine MS auslösen, gibt es laut aktuellen Studien keine Hinweise [2].
Diagnose
Am Anfang stehen die eigene und die familiäre Krankengeschichte und eine neurologische Untersuchung von Sehfunktion, Muskelkraft, Reflexen, Gang, Koordination und Empfindungen [2]. Deuten die Befunde auf MS hin, folgt meist eine Magnetresonanztomographie (MRT) von Gehirn und oberem Rückenmark; außerdem werden das Nervenwasser (Liquor) und mit elektrischen Messungen die Leitfähigkeit von Nervenbahnen untersucht, Blutuntersuchungen können helfen, andere Erkrankungen mit ähnlichen Beschwerden auszuschließen [2]. Für die Diagnose sollen laut Leitlinie nur noch die McDonald-Kriterien von 2024 angewendet werden; eine rein klinische Diagnose ohne MRT ist danach nicht mehr möglich [1].
Behandlung ohne Medikamente

Zum Lebensstil empfiehlt die Leitlinie [1]:
- Bewegung: Ab der Diagnose soll jede Person mit MS über den Nutzen von Kraft- und Ausdauertraining informiert werden. Bis zu einem Behinderungsgrad von EDSS 7.0 sollen nach Empfehlung der WHO mindestens 75 Minuten intensives oder 150 Minuten moderates Ausdauertraining pro Woche erfolgen [1].
- Ernährung und Gewicht: Betroffenen soll zu einer ausgewogenen Ernährung nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung geraten werden; über den negativen Einfluss von Übergewicht sollen sie aufgeklärt werden [1].
- Vitamin D: Der Vitamin-D-Spiegel sollte überprüft werden; ein Mangel soll ausgeglichen werden, Ultra-Hochdosistherapien sollen nicht verabreicht werden [1].
- Rauchen: Betroffene sollen über den negativen Einfluss von Rauchen und Passivrauchen aufgeklärt werden [1]. Rauchen trägt laut gesund.bund.de zum Fortschreiten der MS bei [2]. Mehr: Nikotinabhängigkeit.
Beschwerden lindern: Bei Spastik soll laut Leitlinie neben dem Vermeiden auslösender Ursachen regelmäßige Physiotherapie durchgeführt werden, unterstützt von eigenständigem täglichem Üben [1]. Gegen eine beeinträchtigende Fatigue sollen Schulungen zum Energiemanagement, kognitive Verhaltenstherapie und Achtsamkeitstraining angeboten werden; Betroffene sollen zu körperlichem Training und kühlenden Maßnahmen beraten werden [1]. Physio- und Ergotherapie werden laut gesund.bund.de auch bei Lähmungen, Koordinations-, Gang- und Gleichgewichtsstörungen eingesetzt [2].
Behandlung mit Medikamenten
Behandlung eines Schubs
Ob ein Schub behandelt wird, soll laut Leitlinie von seiner Schwere, der Verträglichkeit und Wirkung einer früheren Behandlung, Begleiterkrankungen und Gegenanzeigen abhängen [1]. Standard ist primär eine hochdosierte Behandlung mit Glukokortikoiden (Kortison), meist Methylprednisolon über die Vene; die Einnahme in hoher Dosis ist laut Leitlinie eine Alternative [1, 2]. Die Behandlung sollte möglichst bald nach Beginn der Beschwerden beginnen [1]. Wirkt das Kortison nicht ausreichend und bleiben alltagsrelevante Ausfälle, soll die Behandlung laut Leitlinie gesteigert werden: Erwogen werden kann eine erneute hochdosierte Gabe von Methylprednisolon oder eine Blutwäsche durch Plasmapherese oder Immunadsorption [1, 2]. Bleiben nach der Kortisonbehandlung behindernde Ausfälle, sollte eine Plasmapherese oder Immunadsorption durchgeführt werden; sie soll in darauf spezialisierten MS-Zentren erfolgen [1].
Unter hochdosiertem Kortison über die Vene traten laut Leitlinie in einer Studie zur Sehnerventzündung häufiger Schlafstörungen, leichte Stimmungsänderungen, Magenverstimmungen, Gesichtsrötung und Gewichtszunahme auf [1]. Blutdruck, Blutzucker und Blutsalze sollen während und nach der Behandlung engmaschig kontrolliert werden [1].
Immuntherapie
Bei Menschen mit schubförmiger MS soll laut Leitlinie eine Immuntherapie begonnen werden. Zuwarten ohne Immuntherapie kann unter engmaschiger Kontrolle nach Besprechung mit der betroffenen Person erwogen werden, wenn eher von einem milden Verlauf auszugehen ist [1]. Die Therapie sollte sich nach der Aktivität der Erkrankung richten; nach ihrer Wirkung auf die Schubrate teilt die Leitlinie die Mittel in drei Wirksamkeitskategorien ein [1]:
- Kategorie 1: Beta-Interferone, Fumarate wie Dimethylfumarat, Glatirameroide und Teriflunomid. Welches Mittel gewählt wird, soll sich in erster Linie nach den Nebenwirkungen und Ihren Präferenzen und Begleiterkrankungen richten [1].
- Kategorie 2: Cladribin und S1P-Rezeptor-Modulatoren wie Fingolimod, Ozanimod und Ponesimod [1].
- Kategorie 3: Alemtuzumab, Natalizumab und CD20-Antikörper wie Ocrelizumab, Ofatumumab und Ublituximab [1].
Die Kategorien sind laut Leitlinie keine Reihenfolge. Mittel der Kategorie 2 oder 3 sollen von Beginn an angeboten werden, wenn ein wahrscheinlich hochaktiver Verlauf vorliegt; bleibt die MS unter einem Mittel der Kategorie 1 entzündlich aktiv, soll je nach Ausmaß der Krankheitsaktivität auf ein Mittel der Kategorie 2 oder 3 gewechselt werden [1]. Bei primär progredienter MS sollen laut Leitlinie nach der aktuellen Studienlage nur CD20-Antikörper eingesetzt werden [1]. Zugelassen ist dafür laut gesund.bund.de (Stand 2023) bisher nur Ocrelizumab [2]; laut EMA-Produktinformation (Stand 10/2026) ist Ocrelizumab für Erwachsene mit früher primär progredienter MS zugelassen, bestimmt nach Krankheitsdauer und Grad der Behinderung und mit Zeichen einer Entzündungsaktivität in der Bildgebung [16]. Mitoxantron, Methotrexat, Cyclophosphamid und intravenöse Immunglobuline sollen nicht mehr eingesetzt werden, Azathioprin sollte nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen [1].
Medikamente gegen einzelne Beschwerden
Bei funktionell beeinträchtigender Spastik soll laut Leitlinie unterstützend eine medikamentöse Therapie angeboten werden, mit vorsichtiger Steigerung der Dosis: Begonnen werden soll mit Baclofen oder Tizanidin, die auch kombiniert werden können. Reicht das nicht, soll Nabiximols ergänzt werden, das in Deutschland als einziges Cannabis-Präparat für die Zusatzbehandlung der mittelschweren bis schweren Spastik zugelassen ist [1]. Reicht die Physiotherapie nicht aus oder sind die Nebenwirkungen der Medikamente zum Einnehmen nicht tolerabel, sollten Verfahren wie Botulinumtoxin A bei Spastik einzelner Muskeln oder Baclofen über eine Pumpe in den Rückenmarkskanal in Betracht gezogen werden [1]. Mehr: Cannabis-Arzneimittel.
| Wirkstoffgruppe | Beispiele | Wie sie wirken | Häufige Nebenwirkungen |
|---|---|---|---|
| Fumarate (Immuntherapie, Kategorie 1) | Dimethylfumarat | Wie es bei MS wirkt, ist laut Fachinformation nicht vollständig bekannt; es zeigte entzündungshemmende und das Immunsystem beeinflussende Eigenschaften [3] | Sehr häufig: Rötung im Gesicht oder am Körper mit Wärmegefühl, Brennen oder Juckreiz (Flushing), weicher Stuhl, Übelkeit, Magenschmerzen oder Magenkrämpfe, Ketone im Urin; häufig unter anderem eine verminderte Zahl weißer Blutkörperchen [3] |
| CD20-Antikörper (Immuntherapie, Kategorie 3) | Ofatumumab | Bindet an das Merkmal CD20 auf B-Zellen, einer Art weißer Blutkörperchen, und führt dazu, dass diese Zellen entfernt werden [5] | Sehr häufig: Infektionen der oberen Atemwege, Reaktionen nach der Injektion wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Schüttelfrost und Müdigkeit, Harnwegsinfektionen, Reaktionen an der Einstichstelle [5] |
| Muskelrelaxanzien (Antispastika) | Baclofen, Tizanidin | Baclofen, ein Abkömmling des Botenstoffs GABA, verstärkt vorwiegend im Rückenmark die präsynaptische Hemmung und dämpft so die Erregungsübertragung [7]; Tizanidin regt im Rückenmark präsynaptische Alpha-2-Rezeptoren an und hemmt so die Freisetzung erregender Aminosäuren [9] | Baclofen, sehr häufig: Übelkeit, Schläfrigkeit, Dämpfung (Sedation) [6]. Tizanidin, sehr häufig: Benommenheit, Schwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit, Magenverstimmung, Muskelschwäche [8] |
| Botulinumtoxin (Spritze in einzelne Muskeln oder in die Blase) | Botulinumtoxin Typ A | Unterbindet an der Verbindung von Nerv und Muskel die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin; die Nervenendigungen sprechen dann nicht mehr auf Nervenimpulse an [11] | Bei Spastik der Arme häufig: Muskelschwäche, Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems und in den Gliedmaßen, Reaktionen an der Einstichstelle, Kraftlosigkeit, Ermüdung, grippeähnliche Erkrankung; bei Injektion in die Blase häufig: Blut und Bakterien im Urin, Harnwegsinfektion, Verstopfung, Erektionsstörungen, Kopfschmerz, Fieber [10] |
| Antiepileptika (Trigeminusneuralgie und andere anfallsartige Beschwerden) | Carbamazepin | Wirkmechanismus laut Fachinformation nicht geklärt; es hemmt die Übertragung zwischen Nervenzellen, die Schmerzlinderung bei Trigeminusneuralgie beruht wahrscheinlich auf einer Hemmung der Reizübertragung im spinalen Trigeminuskern [14] | Sehr häufig: verminderte Zahl weißer Blutkörperchen, Benommenheit, Schwindel, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Gang- und Bewegungsstörungen, Erschöpfung, Übelkeit und Erbrechen, allergische, auch stark ausgeprägte Hautreaktionen, Anstieg des Leberwerts Gamma-GT [13] |
Die Nebenwirkungen stammen aus der Packungsbeilage des jeweiligen Präparats und gelten nur für den Wirkstoff, bei dem sie stehen ("sehr häufig": bei mehr als 1 von 10 Behandelten, "häufig": bei bis zu 1 von 10) [3, 5, 6, 8, 10, 13]. Zugelassen ist Botulinumtoxin Typ A laut Packungsbeilage unter anderem bei Spastik der Arme Erwachsener und bei Urinverlust durch Blasenprobleme bei Erwachsenen mit MS, die regelmäßig selbst einen Katheter zur Blasenentleerung verwenden (saubere intermittierende Katheterisierung) [10]; Carbamazepin unter anderem bei nicht-epileptischen Anfällen bei MS wie der Trigeminusneuralgie [13].
Weitere Beschwerden: Bei Gangstörungen soll laut Leitlinie zusätzlich ein Behandlungsversuch mit Fampridin angeboten werden, vor allem bei eingeschränkter, aber noch erhaltener Gehfähigkeit [1]. Bei Beschwerden einer überaktiven Blase, hohem Leidensdruck und fehlendem Restharn kann ein Behandlungsversuch mit einem Antimuskarinikum begonnen werden, mehr unter Reizblase und Inkontinenz [1]. Eine Trigeminusneuralgie soll mit Carbamazepin oder anderen Mitteln gegen Krampfanfälle behandelt werden; zugelassen ist dafür laut Leitlinie nur Carbamazepin, die anderen dort genannten Mittel nicht. Bei Carbamazepin ist zu beachten, dass sich andere MS-Beschwerden verschlechtern können [1]. Epileptische Anfälle sollen nach den Leitlinien zur Epilepsie behandelt werden, Carbamazepin sollte dabei möglichst vermieden werden [1]. Bei einer Depression sollten Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstraining, Bewegungstherapie und Antidepressiva idealerweise kombiniert eingesetzt werden [1]. Eine Erektionsstörung soll begleitend zu einer sexualmedizinischen Beratung mit einem PDE-5-Hemmer behandelt werden [1].
Schwangerschaft und Stillzeit
Frauen mit MS und Kinderwunsch sollen laut Leitlinie über den Verlauf der MS während und nach einer Schwangerschaft beraten werden; die Familienplanung soll bei der Wahl der Immuntherapie berücksichtigt werden [1]. Eine Behandlung mit Dimethylfumarat kann bis zum Eintritt einer Schwangerschaft erwogen werden, soll in der Schwangerschaft aber nicht fortgeführt werden; vor Beginn einer Behandlung mit Ofatumumab soll eine Schwangerschaft ausgeschlossen sein [1]. Schübe können auch in der Stillzeit mit hochdosiertem Kortison behandelt werden; danach kann eine Stillpause von einigen Stunden (2 bis 4 Stunden) erfolgen, um die Konzentration in der Muttermilch zu senken. Das Stillen sollte deshalb nicht beendet werden [1]. Was Embryotox zu einzelnen Mitteln schreibt, steht auf den Wirkstoffseiten; Allgemeines erklären die Ratgeber Medikamente in der Schwangerschaft und Medikamente in der Stillzeit.
Nebenwirkungen der Medikamente
Beim Einsatz einer Immuntherapie sollen laut Leitlinie neben der erwarteten Wirkung immer auch Verträglichkeit, schwerwiegende Nebenwirkungen, Familienplanung, Begleiterkrankungen und Impfungen besprochen werden [1].
- PML unter Dimethylfumarat: Das Mittel kann die Zahl bestimmter weißer Blutkörperchen (Lymphozyten) senken und damit das Risiko für Infektionen erhöhen, einschließlich der seltenen Gehirninfektion progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), die zu schwerer Behinderung oder zum Tod führen kann [3]. Laut Rote-Hand-Brief vom 9. November 2020 wurden PML-Fälle auch bei nur leicht verminderten Lymphozyten gemeldet; die Lymphozytenzahl sollte vor Behandlungsbeginn und danach alle 3 Monate bestimmt werden [4]. Informieren Sie laut Packungsbeilage Ihre Partnerin, Ihren Partner oder Betreuungspersonen über die Behandlung, weil sie Anzeichen bemerken könnten, die Ihnen selbst entgehen [3]. Mehr: Infektanfälligkeit und Hitzewallungen.
- Infektionen unter Ofatumumab: Infektionen können laut Packungsbeilage leichter auftreten, sich verschlechtern und schwerwiegend sein; das Mittel kann das Hepatitis-B-Virus wieder aktivieren, und Lebendimpfstoffe sollten Sie während der Behandlung nicht erhalten [5].
- Ausbreitung von Botulinumtoxin: Laut Informationsbrief vom Juni 2007 wurde für alle Botulinumtoxin-Präparate sehr selten über schwere Ereignisse wie Muskelschwäche, Schluckstörungen und das Einatmen von Fremdstoffen berichtet, wenn sich das Toxin in entfernte Körperbereiche ausbreitet; bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen ist äußerste Vorsicht geboten [12].
- Absetzen von Muskelrelaxanzien: Wird Baclofen nach mehrmonatiger, hochdosierter Behandlung plötzlich abgesetzt, können laut Packungsbeilage unter anderem Verwirrtheit, Halluzinationen, Krampfanfälle bis hin zum Status epilepticus, Fieber und eine zeitweise verstärkte Spastik auftreten [6]. Ein plötzliches Absetzen von Tizanidin kann einen schnelleren Herzschlag und Bluthochdruck verursachen [8]. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab. Mehr: Absetz- und Entzugserscheinungen.
- Müdigkeit: Baclofen, Tizanidin und Carbamazepin können laut Packungsbeilage sehr häufig schläfrig oder müde machen [6, 8, 13]. Mehr: Müdigkeit und Medikamente und Autofahren.
Nebenwirkung melden: Wenn Sie Nebenwirkungen bemerken, wenden Sie sich laut Packungsbeilage an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder Ihre Apotheke; Sie können sie auch direkt dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) melden [10]. Wie das geht, erklärt der Ratgeber Nebenwirkung melden.
Leben mit Multipler Sklerose
MS-Betroffene sollen laut Leitlinie frühzeitig auf die Selbsthilfe hingewiesen werden; Beschwerden sollen regelmäßig erfragt werden, am besten mit einer standardisierten Checkliste [1]. Nach Beginn oder Wechsel einer Immuntherapie sollten regelmäßige klinische Kontrollen erfolgen, etwa alle drei bis sechs Monate, dazu MRT-Kontrollen sechs und 18 Monate nach Therapiestart [1]. Auch die hausärztliche Praxis ist wichtig: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes Typ 1 und hohe Cholesterinwerte scheinen die Beeinträchtigungen durch MS laut gesund.bund.de zu verstärken [2]. Psychischer Stress scheint sich ungünstig auf den Verlauf auszuwirken; Ruhephasen und Rücksicht auf die eigene Belastbarkeit können helfen [2].
Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen
Neue oder stärkere Beschwerden. Eine Kortisontherapie bei einem Schub sollte laut Leitlinie möglichst bald nach Beginn der Beschwerden beginnen [1]. Unter Dimethylfumarat sprechen Sie laut Packungsbeilage schnellstmöglich mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie das Gefühl haben, dass sich Ihre MS verschlechtert, oder neue Beschwerden bemerken; Zeichen einer PML wie eine neue oder zunehmende Schwäche einer Körperhälfte, Ungeschicklichkeit, Veränderungen von Sehen, Denken oder Gedächtnis, Verwirrung, Persönlichkeitsveränderungen oder Sprach- und Verständigungsprobleme, die länger als mehrere Tage anhalten, können einem Schub ähneln [3]. Unter Ofatumumab informieren Sie bei solchen Anzeichen unverzüglich Ihre Ärztin oder Ihren Arzt [5].
Allergische Reaktion und Atemprobleme. Kommen unter Dimethylfumarat zur Rötung ein Ausschlag oder Nesselausschlag und Schwellungen von Gesicht, Lippen, Mund oder Zunge, Atemprobleme, Schwindel oder Bewusstlosigkeit hinzu, kann das laut Packungsbeilage eine schwere allergische Reaktion sein [3]. Holen Sie in jedem Fall sofort ärztliche Hilfe. Treten nach einer Behandlung mit Botulinumtoxin Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen auf, benachrichtigen Sie laut Packungsbeilage sofort den ärztlichen Notdienst [10]. Schwere Atemnot, Bewusstlosigkeit sowie akute und anhaltende Krampfanfälle nennt die Kassenärztliche Bundesvereinigung als Fälle für den Notruf 112 [15].
Quellen
- Leitlinie Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) und MOG-IgG-assoziierten Erkrankung (MOGAD), S2k-Leitlinie, 4. Aktualisierung als Living Guideline 2025 (AWMF-Registernr. 030/050 und 030/113). Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), federführend B. Hemmer und K. Gehring. Stand Version 9.0, Stand 22.02.2026, gültig vom 27.04.2026 bis 21.02.2027. abgerufen am 18.10.2026
- Behörde Multiple Sklerose (MS) (Text von Deutscher Gesellschaft für Neurologie und Deutscher Hirnstiftung). Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 11.04.2023. abgerufen am 18.10.2026
- EMA-Produktinformation EMA-Produktinformation Tecfidera (Dimethylfumarat), Anhang I: Fachinformation und Anhang III B: Packungsbeilage. Biogen Netherlands B.V. (Zulassungsinhaber), Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 01/2025. abgerufen am 18.10.2026
- Rote-Hand-Brief Rote-Hand-Brief zu Tecfidera (Dimethylfumarat): Aktualisierte Empfehlungen im Zusammenhang mit Fällen von progressiver multifokaler Leukenzephalopathie (PML) bei leichter Lymphopenie. Biogen Netherlands B.V. (Zulassungsinhaber), Brief der Biogen GmbH, in Abstimmung mit EMA und BfArM. Stand 09.11.2020. abgerufen am 18.10.2026
- EMA-Produktinformation EMA-Produktinformation Kesimpta (Ofatumumab), Anhang I: Fachinformation und Anhang III B: Packungsbeilage. Novartis Europharm Limited (Zulassungsinhaber), Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 08/2026. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Baclofen-ratiopharm 10 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 18.10.2026
- Fachinformation Fachinformation Baclofen-ratiopharm Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Tizanidin-TEVA 6 mg Tabletten. TEVA GmbH. Stand 06/2023. abgerufen am 18.10.2026
- Fachinformation Fachinformation Tizanidin-TEVA 6 mg Tabletten. TEVA GmbH. Stand 06/2023. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Dysport 300 Einheiten / 500 Einheiten Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Ipsen Pharma GmbH. Stand 08/2026. abgerufen am 18.10.2026
- Fachinformation Fachinformation Dysport 300 Einheiten / 500 Einheiten Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Ipsen Pharma GmbH. Stand 12/2025. abgerufen am 18.10.2026
- Rote-Hand-Brief Wichtige Sicherheitsinformationen zu den Botulinumtoxinpräparaten Botox, Dysport, NeuroBloc, Vistabel, Xeomin: Risiko schwerer unerwünschter Ereignisse aufgrund der Ausbreitung des Toxins an entfernte Stellen (Informationsbrief). Allergan, Solstice Neurosciences, Ipsen und Merz nach Rücksprache mit den EU-Behörden und dem BfArM (veröffentlicht vom BfArM am 01.06.2007). Stand 06/2007. abgerufen am 18.10.2026
- Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Carbamazepin-ratiopharm 200 mg Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 07/2023. abgerufen am 18.10.2026
- Fachinformation Fachinformation Carbamazepin-ratiopharm 200 mg Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 07/2023. abgerufen am 18.10.2026
- Über den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Abschnitt "Fälle für die Notrufnummer 112"). Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), 116117.de. Stand ohne Datumsangabe. abgerufen am 18.10.2026
- EMA-Produktinformation EMA-Produktinformation Ocrevus (Ocrelizumab), Anhang I: Fachinformation, Abschnitt 4.1 Anwendungsgebiete. Roche Registration GmbH (Zulassungsinhaber), Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 10/2026. abgerufen am 18.10.2026
Häufige Fragen
Welche Medikamente gibt es gegen Multiple Sklerose?
Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) unterscheidet die Behandlung eines Schubs, meist mit hochdosiertem Methylprednisolon, die Immuntherapie und Mittel gegen einzelne Beschwerden. Zur Immuntherapie zählt sie unter anderem Beta-Interferone, Glatirameroide, Teriflunomid, Fumarate wie Dimethylfumarat, Cladribin, S1P-Rezeptor-Modulatoren, Natalizumab und CD20-Antikörper wie Ofatumumab. Gegen Spastik nennt sie Baclofen, Tizanidin und Nabiximols, gegen eine Trigeminusneuralgie Carbamazepin. Die Immuntherapie sollte sich laut Leitlinie nach der Aktivität der Erkrankung richten; innerhalb der Wirksamkeitskategorie 1 soll sich die Wahl in erster Linie nach den Nebenwirkungen und Ihren Präferenzen und Begleiterkrankungen richten.
Ist Multiple Sklerose heilbar?
Nein, heilen lässt sich MS laut gesund.bund.de bislang nicht. Es gibt aber Behandlungen, die den Krankheitsverlauf verlangsamen können. Ziele der Immuntherapie sollen laut Leitlinie sein, Schübe und das Fortschreiten der Krankheit zu verhindern oder zu verringern und die Lebensqualität zu erhalten.
Was ist ein MS-Schub?
Ein Schub ist laut Leitlinie das Auftreten neuer oder das Wiederauftreten früherer neurologischer Beschwerden, die mindestens 24 Stunden anhalten, mehr als 30 Tage nach dem Beginn des vorigen Schubs auftreten und nicht durch eine Änderung der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen), eine Infektion oder eine andere körperliche Ursache erklärt sind. Eine Kortisontherapie sollte laut Leitlinie möglichst bald nach Beginn der Beschwerden beginnen. Sprechen Sie deshalb bei neuen Beschwerden bald mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Welche Nebenwirkungen hat die Kortisontherapie bei einem Schub?
In einer Studie zur Sehnerventzündung traten laut Leitlinie unter hochdosiertem Kortison über die Vene häufiger Schlafstörungen, leichte Stimmungsänderungen, Magenverstimmungen, Gesichtsrötung und Gewichtszunahme auf. Damit seltener Schlafstörungen auftreten, sollte das Kortison laut Leitlinie in einer Dosis am Morgen gegeben werden. Blutdruck, Blutzucker und Blutsalze sollen während und nach der Behandlung engmaschig kontrolliert werden. Mehr unter Glucocorticoide.
Kann ich mit MS schwanger werden?
Frauen mit MS und Kinderwunsch sollen laut Leitlinie über den Verlauf der MS während und nach einer Schwangerschaft beraten werden; eine Schwangerschaft sollte möglichst in einer stabilen Phase der Erkrankung geplant werden. Die Familienplanung soll schon bei der Wahl der Immuntherapie berücksichtigt werden. Eine Behandlung mit Dimethylfumarat kann laut Leitlinie bis zum Eintritt einer Schwangerschaft erwogen werden, soll in der Schwangerschaft aber nicht fortgeführt werden. Besprechen Sie einen Kinderwunsch frühzeitig mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Was hilft gegen Fatigue bei MS?
Gegen eine beeinträchtigende Fatigue sollen laut Leitlinie Maßnahmen ohne Medikamente angeboten werden, etwa Schulungen zum Energiemanagement, kognitive Verhaltenstherapie und Achtsamkeitstraining. Betroffene sollen zu den positiven Effekten von Kraft- und Ausdauertraining und von kühlenden Maßnahmen beraten werden. Für die Wirksamkeit von Medikamenten gibt es laut Leitlinie keine hinreichende Evidenz; Antidepressiva können bei einer depressiven Verstimmung eingesetzt werden, nicht aber bei alleiniger Fatigue.
Kann ich meine MS-Therapie irgendwann beenden?
Nur nach gemeinsamer Abwägung. Wer vor der Therapie eine geringe Krankheitsaktivität hatte und unter einem Mittel der Wirksamkeitskategorie 1 keine Krankheitsaktivität mehr zeigt, bei dem kann laut Leitlinie auf eigenen Wunsch nach mindestens fünf Jahren eine Therapiepause erwogen werden. Betroffene sollen laut Leitlinie darüber aufgeklärt werden, dass die fünf Jahre nicht durch Studien belegt sind. Nach dem Beenden kann die Krankheitsaktivität zurückkehren, in einzelnen Fällen stärker als vor der Therapie, besonders nach Natalizumab, Fingolimod und vermutlich auch anderen S1P-Rezeptor-Modulatoren, und zu bleibender Behinderung führen. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
Hilft Cannabis bei MS?
Zugelassen ist in Deutschland laut Leitlinie nur das Kombinationspräparat Nabiximols, zur Anwendung in der Mundhöhle mit den Cannabis-Inhaltsstoffen THC und Cannabidiol, zur Zusatzbehandlung einer mittelschweren bis schweren Spastik. Wirken Baclofen oder Tizanidin nicht ausreichend und beeinträchtigt die Spastik weiter, soll die Behandlung laut Leitlinie damit ergänzt werden. Mehr dazu unter Cannabis-Arzneimittel und im Ratgeber Medizinisches Cannabis.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
Passt dazu
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Nebenwirkungen Kopfschmerzen durch MedikamenteViele Medikamente können Kopfschmerzen auslösen, etwa Nitrospray, Potenzmittel und Blutdrucksenker.