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Muskelrelaxanzien

Muskelrelaxanzien sind Arzneimittel, die eine erhöhte Muskelspannung senken. Dazu gehören zentral wirkende Mittel wie Methocarbamol und Pridinol bei schmerzhaften Muskelverspannungen oder Baclofen und Tizanidin bei Spastik, außerdem Botulinumtoxin Typ A, das je nach Anwendungsgebiet in die betroffenen Muskeln oder unter die Haut gespritzt wird. Chinin wird gegen nächtliche Wadenkrämpfe eingesetzt. Laut IQWiG können Muskelrelaxanzien müde oder benommen machen, die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und bei älteren Menschen das Sturzrisiko erhöhen. Bei Botulinumtoxin kann sich die Wirkung über die Einstichstelle hinaus ausbreiten und Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen auslösen; Chinin kann laut Packungsbeilage sehr selten die Zahl der Blutplättchen vermindern (Thrombozytopenie).

Frau Anfang fünfzig steht in der Küche und hält sich mit einer Hand den verspannten Nacken
Bild: KI-generiert

Muskelrelaxanzien sind Medikamente, die die Muskeln entspannen und dadurch Schmerzen lindern sollen; meist handelt es sich laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) um verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel, die auf das zentrale Nervensystem wirken [15]. Sie werden je nach Wirkstoff bei schmerzhaften Muskelverspannungen, bei krankhaft erhöhter Muskelspannung (Spastik) oder bei bestimmten Bewegungsstörungen eingesetzt; Chinin ist gegen Krämpfe der Skelettmuskulatur, insbesondere nächtliche Wadenkrämpfe, zugelassen [1, 3, 5, 6, 7, 8]. Einzelheiten zu jedem Mittel stehen auf den verlinkten Wirkstoffseiten.

Was sind Muskelrelaxanzien?

In Abschnitt 5.1 der Fachinformationen ist Methocarbamol als zentral wirkendes Muskelrelaxans aus der Gruppe der Carbaminsäureester eingeordnet, Baclofen als Myotonolytikum (Mittel gegen erhöhte Muskelspannung), Tizanidin und Pridinol als andere zentral wirkende Mittel und Botulinumtoxin Typ A als anderes peripher wirkendes Muskelrelaxans [2, 3, 4, 6, 7].

Wie Muskelrelaxanzien wirken

Zentral wirkende Mittel zum Einnehmen

Methocarbamol hemmt laut Fachinformation die Weiterleitung von Reflexen über mehrere Nervenschaltstellen im Rückenmark und in Zentren unterhalb der Großhirnrinde; die natürliche Grundspannung der Skelettmuskulatur wird bei therapeutischer Dosierung nicht beeinträchtigt [2]. Baclofen ist ein Abkömmling des Botenstoffs Gamma-Aminobuttersäure (GABA); es verstärkt vorwiegend im Rückenmark die Hemmung der Erregungsübertragung, sodass der spastische Muskeltonus abnimmt [3]. Tizanidin wirkt hauptsächlich auf das Rückenmark: Es regt dort bestimmte Andockstellen (Alpha-2-Rezeptoren) an und hemmt so die Freisetzung erregender Botenstoffe; direkt auf die Skelettmuskeln wirkt es nicht, hat aber zusätzlich eine mäßige zentrale schmerzlindernde Wirkung [4]. Pridinol wirkt laut Fachinformation über einen atropinähnlichen Mechanismus an der glatten und der quergestreiften Muskulatur; die Fachinformation nennt außerdem mögliche anticholinerge Wirkungen auf das Sehvermögen [6].

Botulinumtoxin Typ A

Botulinumtoxin Typ A wird gespritzt, je nach Anwendungsgebiet in die betroffenen Muskeln oder (beim Lidkrampf) unter die Haut um das Auge [7]. Es unterbindet an der Verbindungsstelle zwischen Nerv und Muskel (motorische Endplatte) die Freisetzung von Acetylcholin; die Signalübertragung wird erst über neu gebildete Nervenendigungen wiederhergestellt [7]. Das Toxin verteilt sich von der Injektionsstelle in das benachbarte Gewebe; wie weit, hängt unter anderem vom eingespritzten Volumen und von der Dosis ab [7].

Chinin

Chinin ist laut Packungsbeilage ein muskelentkrampfendes Mittel [8]. Laut der Fachinformation im Anhang des BfArM-Bescheids von 2015 verlängert es durch direkte Wirkung auf die Muskelfaser deren Refraktärzeit (Erholungszeit nach einer Erregung), vermindert die Erregbarkeit an der motorischen Endplatte, der Verbindungsstelle zwischen Nerv und Muskel, und beeinflusst die Verteilung von Calcium in der Muskelfaser [11].

Wofür Muskelrelaxanzien eingesetzt werden

Die zugelassenen Anwendungsgebiete stehen in der Fachinformation bzw. Packungsbeilage [1, 2, 3, 4, 6, 7, 8]:

  • Methocarbamol: schmerzhafte Muskelverspannungen, insbesondere des unteren Rückens (Lumbago), bei Erwachsenen [1, 2].
  • Pridinol: Muskelverkrampfungen zentralen und peripheren Ursprungs, Lendenschmerz, Schiefhals und allgemeine Muskelschmerzen bei Erwachsenen [6].
  • Baclofen: Spastik der Skelettmuskulatur bei Multipler Sklerose, Rückenmarkserkrankungen und -verletzungen und Spastik, die vom Gehirn ausgeht; bei Kindern und Jugendlichen unter anderem bei frühkindlicher Hirnschädigung (infantile Zerebralparese) [3].
  • Tizanidin: vom Nervensystem ausgehende Muskelkrämpfe (neurogene Muskelspasmen) und Spastik als Folge von Multipler Sklerose, Schädigungen des Rückenmarks oder des Gehirns [4].
  • Botulinumtoxin Typ A: unter anderem Lidkrampf (Blepharospasmus), Schiefhals mit Muskelkrämpfen (zervikale Dystonie), Spastik von Armen oder Fußgelenk bei Erwachsenen und Kindern ab 2 Jahren mit Zerebralparese sowie Harninkontinenz durch eine überaktive Blasenmuskulatur bei Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose [7].
  • Chinin: Behandlung und Vorbeugung von Krämpfen der Skelettmuskulatur, insbesondere nächtlicher Wadenkrämpfe, bei Erwachsenen, allerdings nur, wenn die Krämpfe sehr häufig oder besonders schmerzhaft sind, behandelbare Ursachen ausgeschlossen wurden und andere, nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichend helfen [8].

Alle hier beschriebenen Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig [2, 3, 4, 6, 7, 9]. Botulinumtoxin-Präparate dürfen laut Fachinformation und Rote-Hand-Brief nur von Ärztinnen und Ärzten angewendet werden, die Erfahrung mit dieser Behandlung haben und über die nötige Ausstattung verfügen; die Einheiten eines Botulinumtoxin-Präparats dürfen nicht auf andere Präparate übertragen werden [7, 13]. Bei Chinin sollen Sie sich laut Packungsbeilage an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt wenden, wenn sich die Beschwerden nach 4 Wochen nicht bessern; die Behandlung sollte alle 3 Monate unterbrochen werden, um zu prüfen, ob sie weiter nötig ist [8].

Wie Muskelrelaxanzien bei Rückenschmerzen wirken, ist laut IQWiG nicht gut untersucht; die bisherigen Studien zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Eine Leitlinie der WHO aus dem Jahr 2023 zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen ohne klare Ursache rät laut IQWiG eher von Muskelrelaxanzien ab, weil sie teils abhängig machen können und viele Nebenwirkungen haben [15]. Mehr dazu: Rückenschmerzen, Muskelverspannungen, Multiple Sklerose, Schlaganfall und Wadenkrämpfe.

Wirkstoffe der Gruppe

Mit geprüftem Wirkstoff-Steckbrief beschrieben sind auf dieser Website:

  • Baclofenz. B. Baclofen-ratiopharm, LioresalErhöhte Muskelspannung (Spastik) bei Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark
  • Botulinumtoxin Typ Az. B. Dysport 300 Einheiten / 500 Einheiten, AzzalureLidkrampf, Schiefhals, Spastik, Harninkontinenz bei überaktiver Blase
  • Chininz. B. Limptar NSehr häufige oder besonders schmerzhafte Krämpfe der Skelettmuskulatur, insbesondere nächtliche Wadenkrämpfe, bei Erwachsenen
  • Methocarbamolz. B. Methocarbamol AL, Methocarbamol STADA, Ortoton forteSchmerzhafte Muskelverspannungen, vor allem im unteren Rücken
  • Pridinolz. B. Myditin 3 mg TablettenMuskelverspannungen, Lendenschmerz, Schiefhals, Muskelschmerzen
  • Tizanidinz. B. Tizanidin-TEVA 6 mg Tabletten, Tizanidin-TEVA 2 mg und 4 mg TablettenMuskelverkrampfungen und Spastik bei Multipler Sklerose, Rückenmarks- oder Hirnschädigung

Methocarbamol, Baclofen, Tizanidin, Pridinol und Chinin werden als Tabletten eingenommen, Botulinumtoxin Typ A wird als Injektionslösung zubereitet und gespritzt [2, 3, 4, 6, 7, 8].

Typische Nebenwirkungen

Muskelrelaxanzien können laut IQWiG Müdigkeit oder Benommenheit verursachen; das kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und bei älteren Menschen das Risiko für Stürze erhöhen, und Muskelrelaxanzien aus der Gruppe der Benzodiazepine können zudem abhängig machen [15]. Die Tabelle zeigt die Einstufung sechs typischer Beschwerden in den Packungsbeilagen bzw. Fachinformationen der hier beschriebenen Wirkstoffe; die Kategorien erklärt der Ratgeber Beipackzettel verstehen. Bei Botulinumtoxin Typ A stuft die Fachinformation die Nebenwirkungen je Anwendungsgebiet ein, die Tabelle zeigt die höchste Einstufung über alle Anwendungsgebiete; Mundtrockenheit, Schwindel und Übelkeit etwa nennt die Fachinformation nur bei der Behandlung des Schiefhalses [7].

Häufigkeit ausgewählter Nebenwirkungen je Wirkstoff: Angaben aus der Produktinformation
WirkstoffMüdigkeitSchwindelÜbelkeitKopfschmerzenMundtrockenheitSehstörungen
BaclofenSehr häufigHäufigSehr häufigHäufigHäufigHäufig
Botulinumtoxin Typ AHäufigHäufigGelegentlichHäufigSehr häufigHäufig
Chininnicht genanntSehr seltenSehr seltennicht genanntnicht genanntNicht bekannt
MethocarbamolSehr seltenSeltenSehr seltenSeltennicht genanntSehr selten
PridinolGelegentlichGelegentlichGelegentlichGelegentlichGelegentlichSelten
TizanidinSehr häufigSehr häufigHäufigNicht bekanntSehr häufigNicht bekannt

Angaben aus der Packungsbeilage bzw. Fachinformation des jeweiligen Wirkstoffs; die Quellen stehen auf der Wirkstoffseite. "nicht genannt" heißt: Die Wirkstoffseite führt diese Beschwerde nicht als eigene Nebenwirkung auf. Maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats. Zeilen, die in der Produktinformation gesondert für Kinder oder Jugendliche aufgeführt sind, sind nicht berücksichtigt; sie stehen auf der Wirkstoffseite. Die Tabelle umfasst nur Wirkstoffe, die auf dieser Website mit geprüftem Datensatz beschrieben sind.

Müdigkeit, Schwindel und Stürze

Methocarbamol kann laut Fachinformation Schwindel oder Schläfrigkeit verursachen, besonders zusammen mit anderen Mitteln, die müde machen [2]. Unter Baclofen können Schwindel, Dämpfung, Schläfrigkeit und Sehstörungen die Fahrtüchtigkeit erheblich beeinträchtigen, vor allem zusammen mit Alkohol; zu Beginn der Behandlung sind häufigere Kontrollen nötig, um Muskelschwäche, einen plötzlichen Verlust der Muskelspannung mit Sturzgefahr, Müdigkeit oder Verwirrtheit rasch zu erkennen [3]. Wer unter Tizanidin Benommenheit oder Schwindel bemerkt, soll keine Tätigkeiten ausführen, die viel Aufmerksamkeit erfordern [4]. Bei Pridinol wird wegen möglicher Wirkungen auf das Sehvermögen zu mehr Vorsicht beim Fahren geraten [6]. Mehr dazu: Müdigkeit, Schwindel, Medikamente und Autofahren und Medikamente im Alter.

Niedriger Blutdruck und Leber bei Tizanidin

Unter Tizanidin kann der Blutdruck sinken, auch durch Wechselwirkungen; beobachtet wurden schwere Formen mit Bewusstseinsverlust und Kreislaufkollaps [4]. Über Leberfunktionsstörungen wurde berichtet; die Fachinformation empfiehlt vor Behandlungsbeginn einen Leberfunktionstest und regelmäßige Kontrollen in den ersten Monaten, bei Anzeichen einer Leberentzündung oder Gelbsucht soll Tizanidin abgesetzt werden [4]. Bei Pridinol kann bei Menschen mit instabilem Kreislauf das Risiko eines Blutdruckabfalls erhöht sein [6]. Mehr dazu: Niedriger Blutdruck und Leberwerte.

Psyche, Gehirnfunktion und Missbrauch bei Baclofen

Bei Baclofen in therapeutischen Dosen wurde über eine Beeinträchtigung der Gehirnfunktion (Enzephalopathie) mit Schläfrigkeit, getrübtem Bewusstsein, Verwirrtheit, Muskelzuckungen und Koma berichtet, die sich nach dem Absetzen zurückbildete; bei eingeschränkter Nierenfunktion wurden Zeichen einer Überdosierung beobachtet [3]. Unter Baclofen wurden außerdem Suizid und suizidbezogene Ereignisse berichtet, meist bei Menschen mit zusätzlichen Risikofaktoren wie Alkoholmissbrauch, Depression oder früheren Suizidversuchen, sowie Fälle von Missbrauch und Abhängigkeit [3]. Mehr dazu: Vergesslichkeit und Verwirrtheit.

Nicht abrupt absetzen: Baclofen und Tizanidin

Nach mehrmonatiger, hoch dosierter Baclofen-Behandlung kann ein plötzliches Absetzen oder eine abrupte Verringerung der Dosis laut Fachinformation unter anderem zu Konzentrationsstörungen, Verwirrtheit, Halluzinationen, Krampfanfällen, Herzrasen und Überwärmung führen; außerdem kann die Spastik vorübergehend stärker werden. Außer in Notfällen oder bei schwerwiegenden Nebenwirkungen sollte Baclofen nach längerer Anwendung nur ausschleichend abgesetzt werden [3]. Nach plötzlichem Absetzen von Tizanidin (nach langer Anwendung, hohen Tagesdosen oder zusammen mit Blutdrucksenkern) wurden ein Blutdruckanstieg und Herzrasen beobachtet, in Extremfällen kann der Blutdruckanstieg zu einem Schlaganfall führen; auch Tizanidin sollte nicht abrupt, sondern ausschleichend abgesetzt werden [4]. Setzen Sie das Mittel nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab. Mehr dazu: Medikamente absetzen.

Ausbreitung von Botulinumtoxin

Für alle Botulinumtoxin-Präparate wurde sehr selten über schwere Nebenwirkungen wie Muskelschwäche, Schluckstörungen, Einatmen von Fremdstoffen (Aspiration) oder eine dadurch ausgelöste Lungenentzündung berichtet, für die ein Zusammenhang mit einer Ausbreitung des Toxins an vom Injektionsort entfernte Stellen vermutet wird; außerdem liegen sehr seltene Berichte über Todesfälle vor. Darüber informierten die Firmen Allergan, Ipsen, Merz und Solstice Neurosciences im Juni 2007 nach Rücksprache mit den EU-Behörden und dem BfArM in einem Rote-Hand-Brief; Menschen mit neurologischen Grunderkrankungen oder Schluckstörungen sind besonders gefährdet [13]. Die Fachinformation von Botulinumtoxin Typ A beschreibt, dass Patientinnen, Patienten und Pflegende den ärztlichen Notdienst sofort benachrichtigen sollen, wenn Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen auftreten [7]. Bei der Behandlung einer Spastik der Beine ist laut Fachinformation bei Erwachsenen und besonders bei älteren Menschen, die ein erhöhtes Sturzrisiko haben könnten, Vorsicht geboten; bei Anwendung im Bereich des Auges wurde über trockene Augen berichtet [7]. Mehr dazu: Rote-Hand-Briefe und Rückrufe.

Blutbild, Herz und Gehör bei Chinin

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat mit Bescheid vom 30. März 2015 in einem nationalen Stufenplanverfahren die Produktinformation von Chinin gegen nächtliche Wadenkrämpfe geändert und das Anwendungsgebiet eingeschränkt, unter anderem wegen des Risikos schwerer Blutbildveränderungen (Thrombozytopenien); seit dem 1. April 2015 ist Chinin zur Anwendung beim Menschen verschreibungspflichtig [10, 11]. Eine Verminderung der Blutplättchen kann sich laut Packungsbeilage durch spontane Haut- oder Schleimhauteinblutungen, Nasenbluten oder eine erhöhte Blutungsneigung zeigen; dann muss die Einnahme umgehend beendet und die Ärztin oder der Arzt umgehend informiert werden [8]. Abzusetzen ist es laut Packungsbeilage auch bei Hautausschlag, Ohrgeräuschen, Hör- oder Sehstörungen und Zeichen von Herzrhythmusstörungen wie Herzstolpern, Schwindel oder Ohnmacht [8]. Mehr dazu: Blutungen und Blutbildveränderungen, QT-Verlängerung und Tinnitus.

Wichtige Wechselwirkungen

Physiotherapeutin begleitet einen Mann Ende fünfzig bei einer Dehnübung für die Wadenmuskulatur
Bild: KI-generiert
Wichtige Wechselwirkungen von Muskelrelaxanzien (Auswahl)
Zusammen mitWas passieren kann
Alkohol und dämpfende Mittel, z. B. Psychopharmaka, Schlafmittel (Beruhigungs- und Schlafmittel), Opioide, AntihistaminikaGegenseitige Wirkungsverstärkung bzw. stärkere Dämpfung bei Baclofen, Tizanidin und Methocarbamol; bei Baclofen sind die Wechselwirkungen mit Alkohol laut Fachinformation unvorhersehbar [2, 3, 4]
Andere MuskelrelaxanzienGegenseitige Wirkungsverstärkung bei Baclofen und Tizanidin; Chinin kann die Wirkung von Muskelrelaxanzien verstärken [3, 4, 8]
Blutdrucksenkende Mittel, Betablocker, ClonidinMit Baclofen verstärkte Blutdrucksenkung [3]; mit Tizanidin niedriger Blutdruck oder verlangsamter Herzschlag möglich, nach plötzlichem Absetzen von Tizanidin Blutdruckanstieg; Clonidin soll mit Tizanidin vermieden werden [4]
CYP1A2-Hemmer wie Fluvoxamin oder Ciprofloxacin, auch orale VerhütungsmittelMit Tizanidin gegenanzeigt (Fluvoxamin, Ciprofloxacin): deutlich mehr Tizanidin im Blut mit lang anhaltendem Blutdruckabfall, Schläfrigkeit und Schwindel; andere CYP1A2-Hemmer, etwa orale Verhütungsmittel, werden nicht empfohlen [4]
Mittel, die Herzrhythmusstörungen begünstigen, z. B. bestimmte Antiarrhythmika, Neuroleptika, trizyklische Antidepressiva, einige AntibiotikaDürfen laut Packungsbeilage nicht zusammen mit Chinin eingenommen werden [8]; bei Tizanidin ist mit QT-verlängernden Mitteln Vorsicht geboten [4]
Gerinnungshemmer, Digitalis-Präparate, blutzuckersenkende MittelChinin kann die Wirkung von Gerinnungshemmern und Digitalis verstärken; mit blutzuckersenkenden Mitteln kann das Risiko einer Unterzuckerung steigen [8]
Anticholinergika wie AtropinPridinol und Methocarbamol können deren Wirkung verstärken [2, 6]
Mittel, die die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel beeinträchtigen, z. B. Aminoglykosid-AntibiotikaDie Wirkung von Botulinumtoxin kann theoretisch verstärkt werden [7]

Die Liste ist nicht vollständig. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke, bevor Sie ein neues Mittel dazunehmen; bei Baclofen können auch Mittel, die die Nierenfunktion stark beeinflussen, die Ausscheidung so verringern, dass mit Vergiftungserscheinungen zu rechnen ist [3]. Einen Überblick gibt der Medikationsplan, Grundlagen erklärt der Ratgeber Wechselwirkungen.

Wann Muskelrelaxanzien nicht oder nur mit Vorsicht angewendet werden

Gegenanzeigen unterscheiden sich je nach Wirkstoff; maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats. Genannt werden zum Beispiel [2, 3, 4, 6, 7, 8]:

  • Methocarbamol: Bewusstlosigkeit oder drohende Bewusstlosigkeit, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, krankhafte Muskelschwäche (Myasthenia gravis) und Neigung zu epileptischen Krämpfen; Vorsicht bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion [2].
  • Baclofen: Epilepsie und andere Anfallsleiden sowie Nierenversagen im Endstadium; nicht geeignet bei Spastik durch rheumatische Erkrankungen, Parkinson oder Verletzungen außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Besondere Vorsicht gilt unter anderem bei eingeschränkter Nierenfunktion, Magen-Darm-Geschwüren, Depressionen, Psychosen und Blasenentleerungsstörungen [3].
  • Tizanidin: stark eingeschränkte Leberfunktion und gleichzeitige Einnahme starker CYP1A2-Hemmer; Vorsicht bei Herz-Kreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen und Myasthenia gravis [4].
  • Pridinol: grüner Star (Glaukom), vergrößerte Prostata, Harnverhalt, Engstellen im Magen-Darm-Kanal, Herzrhythmusstörungen und das erste Schwangerschaftsdrittel; Vorsicht ab 65 Jahren und bei schwerer Nieren- oder Leberschwäche [6].
  • Botulinumtoxin Typ A: Infektion an der Injektionsstelle und Harnwegsinfektion bei Behandlung der Blase; Vorsicht bei Schluck- oder Atemstörungen und Störungen der Signalübertragung vom Nerv zum Muskel wie Myasthenia gravis [7].
  • Chinin: unter anderem Herzrhythmusstörungen einschließlich QT-Verlängerung, schwere Herzschwäche, Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, Myasthenia gravis, Ohrgeräusche, Vorschädigung des Sehnervs, Störungen des Salzhaushalts sowie Schwangerschaft und Stillzeit [8].

Bei Kindern und Jugendlichen sind Sicherheit und Wirksamkeit von Methocarbamol nicht erwiesen, für Pridinol liegen keine Daten vor, Tizanidin wird unter 18 Jahren nicht empfohlen und Chinin sollte unter 18 Jahren nicht angewendet werden; Baclofen und Botulinumtoxin Typ A sind für bestimmte Anwendungsgebiete bei Kindern zugelassen [2, 3, 4, 6, 7, 8]. Mehr dazu: Medikamente bei Kindern.

Schwangerschaft und Stillzeit

Ob ein Muskelrelaxans in Schwangerschaft oder Stillzeit infrage kommt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Methocarbamol sollte laut Fachinformation in der Schwangerschaft nicht angewendet werden, weil keine Erfahrungen beim Menschen und keine Daten aus Tierversuchen vorliegen [2]. Chinin ist in Schwangerschaft und Stillzeit gegenanzeigt, Pridinol im ersten Schwangerschaftsdrittel; die Anwendung von Pridinol in der Stillzeit sollte laut Fachinformation vermieden werden [6, 8]. Tizanidin darf in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der Zustand der Frau es erfordert; Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und bis zu einem Tag danach zuverlässig verhüten, und in der Stillzeit soll Tizanidin nicht eingenommen werden [4].

Baclofen darf laut Fachinformation in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der Nutzen für die Mutter das Risiko für das Kind überwiegt; nach Einnahme in der Schwangerschaft wurde über Entzugsreaktionen einschließlich Krampfanfällen bei Neugeborenen berichtet [3]. Laut Embryotox gehört Baclofen in der Schwangerschaft nicht zu den Mitteln der Wahl; physiotherapeutische Maßnahmen und entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen bis zur 28. Schwangerschaftswoche sind laut Embryotox vorzuziehen, kurzzeitig kann die spannungslösende Wirkung des besser untersuchten Diazepam genutzt werden [12]. Wechseln Sie nicht selbst, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. In der Stillzeit hält Embryotox bei einer notwendigen Dauertherapie mit Baclofen das Stillen bei guter Beobachtung des Säuglings unter Vorbehalt für akzeptabel; vorzuziehen sind laut Embryotox physiotherapeutische Maßnahmen und entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac [12]. Wechseln Sie nicht selbst, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Botulinumtoxin Typ A darf laut Fachinformation in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn es eindeutig erforderlich ist; die Anwendung in der Stillzeit kann nicht empfohlen werden [7]. Laut Embryotox sollte eine Anwendung für kosmetische Zwecke in der Schwangerschaft unterbleiben; bei medizinischer Notwendigkeit kann es nach kritischer Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden, wobei je nach Anwendungsgebiet laut Embryotox besser untersuchte Wirkstoffe bevorzugt werden sollten [14]. Wechseln Sie nicht selbst, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Bei dringender medizinischer Notwendigkeit hält Embryotox die Anwendung in der Stillzeit für akzeptabel [14]. Mehr dazu: Medikamente in der Schwangerschaft und Medikamente in der Stillzeit.

Unterschied zu Benzodiazepinen und Schmerzmitteln

Auch manche Benzodiazepine entspannen die Muskulatur: Diazepam ist laut Fachinformation unter anderem zur Behandlung von Zuständen mit erhöhter Muskelspannung zugelassen [16]. Muskelrelaxanzien aus der Gruppe der Benzodiazepine können laut IQWiG abhängig machen [15]. Zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen empfiehlt die Leitlinie der WHO laut IQWiG entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen und Pflaster oder Cremes mit Capsaicin, während sie von Muskelrelaxanzien eher abrät [15]. Mehr dazu: Beruhigungs- und Schlafmittel und NSAR.

Quellen

  1. Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Ortoton Recordati 750 mg Filmtabletten (Versionscode Z04). Recordati Pharma GmbH. Stand 09/2025. abgerufen am 12.10.2026
  2. Fachinformation Fachinformation Methocarbamol STADA 750 mg Filmtabletten. STADAPHARM GmbH. Stand 03/2023. abgerufen am 12.10.2026
  3. Fachinformation Fachinformation Baclofen-ratiopharm Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 12.10.2026
  4. Fachinformation Fachinformation Tizanidin-TEVA 6 mg Tabletten. TEVA GmbH. Stand 06/2023. abgerufen am 12.10.2026
  5. Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Baclofen-ratiopharm 10 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 12.10.2026
  6. Fachinformation Fachinformation Myditin 3 mg Tabletten. Trommsdorff GmbH & Co. KG. Stand 09/2021. abgerufen am 12.10.2026
  7. Fachinformation Fachinformation Dysport 300 Einheiten / 500 Einheiten Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Ipsen Pharma GmbH. Stand 12/2025. abgerufen am 12.10.2026
  8. Gebrauchsinformation Gebrauchsinformation Limptar N 200 mg Filmtabletten (auf der Produktseite des Herstellers). Cassella-med GmbH & Co. KG. Stand 12/2022. abgerufen am 12.10.2026
  9. Pflichttext Limptar N 200 mg Filmtabletten (Verkaufsabgrenzung: verschreibungspflichtig), auf der Produktseite des Herstellers. Cassella-med GmbH & Co. KG. Stand ohne Datumsangabe. abgerufen am 12.10.2026
  10. Behörde BfArM-Risikoinformation: Chinin gegen nächtliche Wadenkrämpfe (Limptar N), Bescheid zu Änderungen der Produktinformation im nationalen Stufenplanverfahren. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand 02.04.2015. abgerufen am 12.10.2026
  11. Behörde BfArM: Bescheid im nationalen Stufenplanverfahren (Stufe II), Limptar N (Chininsulfat). Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand 30.03.2015. abgerufen am 12.10.2026
  12. Embryotox Embryotox: Baclofen. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Universitätsmedizin Berlin. Stand ohne Datumsangabe. abgerufen am 12.10.2026
  13. Rote-Hand-Brief Rote-Hand-Brief: Wichtige Sicherheitsinformationen zu den Botulinumtoxinpräparaten, Risiko schwerer unerwünschter Ereignisse aufgrund der Ausbreitung des Toxins an entfernte Stellen (Archiv der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft). Allergan, Ipsen, Merz, Solstice Neurosciences nach Rücksprache mit den EU-Aufsichtsbehörden und dem BfArM. Stand 06/2007. abgerufen am 12.10.2026
  14. Embryotox Embryotox: Clostridium botulinum Toxin. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Universitätsmedizin Berlin. Stand ohne Datumsangabe. abgerufen am 12.10.2026
  15. Medikamente bei chronischen Rückenschmerzen. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 20.08.2025. abgerufen am 12.10.2026
  16. Fachinformation Fachinformation Diazepam STADA 10 mg Tabletten. STADAPHARM GmbH. Stand 08/2018. abgerufen am 12.10.2026

Häufige Fragen

Was sind Muskelrelaxanzien?

Das sind Arzneimittel, die die Muskeln entspannen. Laut IQWiG handelt es sich meist um verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel, die auf das zentrale Nervensystem wirken. Zu den zentral wirkenden Mitteln gehören Methocarbamol, Pridinol, Baclofen und Tizanidin; Botulinumtoxin Typ A wirkt dagegen peripher, also direkt an der Verbindung zwischen Nerv und Muskel.

Machen Muskelrelaxanzien müde?

Das ist möglich. Laut IQWiG können Muskelrelaxanzien Müdigkeit oder Benommenheit verursachen, die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und bei älteren Menschen das Sturzrisiko erhöhen. Laut den Fachinformationen von Methocarbamol, Baclofen und Tizanidin können Schwindel, Schläfrigkeit bzw. Benommenheit die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen beeinträchtigen. Alkohol kann die Wirkung verstärken.

Helfen Muskelrelaxanzien bei Rückenschmerzen?

Laut IQWiG ist nicht gut untersucht, wie Muskelrelaxanzien bei Rückenschmerzen wirken; die bisherigen Studien zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Eine Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2023 zu chronischen Rückenschmerzen ohne klare Ursache rät laut IQWiG eher von ihnen ab, weil sie teils abhängig machen können und viele Nebenwirkungen haben. Zugelassen sind Methocarbamol für schmerzhafte Muskelverspannungen, insbesondere im unteren Rücken, und Pridinol unter anderem bei Lendenschmerz. Welche Behandlung für Sie passt, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Warum ist Chinin gegen Wadenkrämpfe verschreibungspflichtig?

Seit dem 1. April 2015 ist Chinin zur Anwendung beim Menschen verschreibungspflichtig. Laut BfArM-Bescheid muss vor der Behandlung für jede Patientin und jeden Patienten eine Nutzen-Risiko-Bewertung erfolgen, die nur eine Ärztin oder ein Arzt vornehmen kann; deshalb empfahl der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht die Verschreibungspflicht. Im selben Jahr hat das BfArM die Anwendung gegen nächtliche Wadenkrämpfe eingeschränkt, unter anderem wegen des Risikos schwerer Blutbildveränderungen. Chinin darf laut Packungsbeilage nur noch angewendet werden, wenn die Krämpfe sehr häufig oder besonders schmerzhaft sind, behandelbare Ursachen ausgeschlossen wurden und andere Maßnahmen nicht ausreichend helfen.

Was muss ich nach einer Botulinumtoxin-Spritze beachten?

Laut Fachinformation kann sich die Wirkung des Toxins über die Injektionsstelle hinaus ausbreiten. Treten Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen auf, müssen Sie oder Ihre Angehörigen sofort den ärztlichen Notdienst benachrichtigen. Auch Muskelschwäche, Ermüdung oder Sehstörungen können vorübergehend die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen.

Darf ich Baclofen oder Tizanidin einfach absetzen?

Nein. Nach mehrmonatiger, hoch dosierter Behandlung kann ein plötzliches Absetzen von Baclofen laut Fachinformation unter anderem zu Verwirrtheit, Halluzinationen und Krampfanfällen führen; bei Tizanidin wurden ein Blutdruckanstieg und Herzrasen beobachtet. Laut Fachinformation sollten beide ausschleichend abgesetzt werden, Baclofen nach längerer Anwendung außer in Notfällen oder bei schwerwiegenden Nebenwirkungen. Setzen Sie das Mittel nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.

Darf ich Muskelrelaxanzien in der Schwangerschaft nehmen?

Das entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Methocarbamol sollte laut Fachinformation in der Schwangerschaft nicht angewendet werden, Chinin ist in Schwangerschaft und Stillzeit gegenanzeigt, Pridinol im ersten Schwangerschaftsdrittel. Für Baclofen nennt Embryotox physiotherapeutische Maßnahmen und entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen bis zur 28. Schwangerschaftswoche als vorzuziehen. Wechseln Sie nicht selbst, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu

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